Frage an den blauen Doc Meinungen Titel — 19 Dezember 2012
Frage an den Blauen Doc: Wie wäre die Integrationsdebatte seit 2010 verlaufen ohne Sarrazins Buch?

Positiv oder Negativ?
(Bild: Nina Gerlach Nina (bearbeitet: blu); Quelle: Wikipedia; Rechte: Creative Commons; Original: siehe Link)

Ein beliebtes Spiel, nicht nur in schlechten Krimis, ist das von dem „bösen Bullen“ und dem „guten Bullen“. Dabei findet sich ein Verdächtiger in einer Verhörsituation wieder, der er nicht gewachsen ist. Der „böse Bulle“ sieht ihn grimmig an, der gute lächelt milde. Der „böse Bulle“ spricht laut und bedrohlich von Verbrechen und Strafe, der gute sagt Beruhigendes und bringt Kaffee. Der „böse Bulle“ fuchtelt mit der Faust, der gute bietet Schutz. Und dann gibt der Verdächtige die Informationen preis, auf die beide es gemeinsam abgesehen hatten.

Der Zweck des Verfahrens liegt also darin, jemanden davon abzuhalten, sich angemessen zu schützen. Gegen den „bösen Bullen“ alleine mag man sich irgendwann der Gewalt beugen oder viel wahrscheinlicher auf stur schalten. Auch der „gute Bulle“ alleine hätte keine Chance – danke für den Kaffee, und tschüs. Erst beide zusammen bringen den Verdächtigen in die scheinbare Zwangslage, sich einem von beiden öffnen und die Absichten und Interessen der einzig relevanten Person aufgeben zu müssen, nämlich die eigenen.

Als in den Nullerjahren mehr und mehr die Kritik an einwanderungsbedingten Zuständen aufkam (Rütli-Schule 2006, Kirsten Heisig 2010), sah es schlecht aus für die Bad Cops der Einwanderungspolitik. Es waren nun nicht mehr Gruppen von politischen Sonderlingen, die mit platten Sprüchen „Ausländerstopp“ forderten, sondern Personen aus der Mitte der Gesellschaft, aus den bürgerlichen Reihen, aus Intellektuellenkreisen, die mit differenzierten und wohlbelegten Argumenten Verbesserungen der Einwanderungspolitik forderten. Der Verdächtige begann, seine Interessen zu verfolgen.

Viel hätte nicht mehr gefehlt, und Islamkritik und die Forderung nach einem den Deutschen nützenden Einwanderungsgesetz wären etablierte Haltungen geworden. Die Presse wäre nicht mehr daran vorbeigekommen, das Thema offen zu behandeln. Bis eines Tages ein SPD-Politiker, Vertreter des deutschen Finanzwesens und mehrjähriger Mitarbeiter einer Regierung unter Beteiligung der Linken/SED ein revolutionäres Buch veröffentlichte.

Viele werden sich erinnern, welch erleichterndes Gefühl es war, als aus der bedrohlichen Kulisse der deutschen Politik ein ehrbarer Mann hervortrat, der genau das sagte, was man seit Jahren wahrnahm: es stimmt etwas nicht mit der Flugbahn des Landes. Endlich, so hoffte man, tut sich eine neue Richtung auf, oder besser gesagt, es ergibt sich eine Chance, wieder einen Kurs einzuschlagen, der den Interessen der Passagiere entspricht.

Neben der wortreichen und faktenschweren Darlegung des Standpunktes, dass Deutschland durch die Aufnahme von Einwanderern, ohne deren Fähigkeit, sich und ihre Familien nachhaltig selbst zu versorgen, zum strikten Kriterium zu machen, finanziell und kulturell einen kalkulierbaren Niedergang erleiden wird, trug er noch andere Dinge vor. Und da fragt man sich: „Warum eigentlich“? Die Recherchen sprachen für sich und waren nicht ernsthaft angreifbar. Der andere Teil war bestenfalls der erträgliche Beitrag eines Laien zum komplexen Thema der Genetik.

Ja, man kann das bringen. Man kann sich die Frage stellen, ob es ein „Juden-Gen“ gibt oder ein „Kameltreiber-Chromosom“ (das hat er anders genannt, denn Humor zeigt er nicht). Man kann, man darf, man wird doch wohl noch dürfen. Man darf auch mit Fackeln durch die Vorstädte ziehen oder die Friedensbestrebungen von Admiral Dönitz loben. All das darf man machen, wenn man die Absicht hat, sich todsicher in die Schmuddelecke zu katapultieren.

Er hat es getan, er hat sich katapultiert und er hat das ganze gute Anliegen in den Augen Vieler gleich mit dorthin gerissen. Nicht so offensichtlich, dass er gleich wissenschaftlich als Scharlatan oder gar strafrechtlich als Hetzer hätte belangt werden können. Dennoch hat es gelangt, dass sich viele nicht so ganz offen hinter ihn stellen mochten. Wie ungerecht, aber er hatte doch recht, und die Genetiker X und Y sagen das doch auch. Schon befindet man sich in der Defensive, dabei hoffte man doch, dass es nach vorne geht. Ist denn Verteidigung der beste Angriff?

Und damit war die Integrationsdebatte wieder genau dort, wo sie der offiziellen Politik am meisten nützt: im Abseits. Sarrazin hat es tatsächlich geschafft, die Debatte auf den Punkt zu bringen. Auf einen Punkt, der politisch beherrschbar, vorhersehbar, kanalisierbar war. Er hat sich als Good Cop präsentiert, der den Festgenommenen auf seine Seite zieht und ihn dadurch daran hindert, seine eigenen Interessen zu verfolgen. Es ist kein Zufall, dass er Mitglied der SPD ist. Er ist ein Sozi durch und durch, der genau das erreicht hat, was ein Sozi immer erreichen will: der Herrschaft den Rücken freihalten!

Share

About Author

Thomas Frieling

Für den Physiker ist klar: Demokratie ist keine exakte Wissenschaft, und Politik ist es ebensowenig. Tagesaktuelle Themen und solche, die immer wieder für Aufmerksamkeit sorgen, stellt er - in blu-News als der Blaue Doc - aus unüblichen Blickwinkeln dar, manchmal eher nüchtern, manchmal satirisch aber niemals nur aus Spaß.

(6) Readers Comments

  1. “Es ist kein Zufall, dass er Mitglied der SPD ist. Er ist ein Sozi durch und durch, der genau das erreicht hat, was ein Sozi immer erreichen will: der Herrschaft den Rücken freihalten!”

    Oh Scheisse! Das ergibt perfekt Sinn!
    Offiziell steht er nun als Renegat da, tatsächlich könnte die Absicht eine ganz andere gewesen sein.

    „In der Politik geschieht nichts zufällig! Wenn etwas geschieht, kann man sicher sein, dass es auf diese Weise geplant war!“ (F. D. Roosevelt)

  2. Nö.

    Der Artikelschreiber geht von falschen Voraussetzungen aus, indem er das “Argument”, Sarrazin hat den türkischen/arabischen Schülern irgendwelche Bildungslücken AUF GRUND ihrer Herkunft inklusive ihrer herkunfsbedingten Genetik unterstellt.

    Hatter nämlich nicht – bzw. er war da schon deutlich differenzierter. Am Ende seiner “Genetik-Seiten” kommt Sarrazin zu dem Schluss: “Für den Zusammenhang, um den es hier geht (… Bildung), ist es egal, ob die Erblichkeit von Intelligenz bei 40, 60 oder 80 Prozent liegt. … Innerhalb einer Generation wirkt sich das kaum aus, aber in einer Reihe von Generationen hat es statistisch signifikante Effekte.”.

    Den – durchaus richtigen – “Aufhänger” mit der Genetik hat er nur, wenn er darauf hinweist, was das zu nahe verwandschaftliche heiraten bei bestimmten Zuwanderungsgruppen – genetisch gesehen – so anrichtet, wenn es um den IQ und irgendwelche Erbkrankheiten geht. Und selbst da aber eben auch nicht “na weil es eben Türken oder Araber sind” – sondern auch ganz klar: weil sie zu nahe innerhalb der “Familie” heiraten.

    Und da dieser Punkt damit für ihn abgehandelt war, hat er sich dann den nächsten Punkten auf seiner Liste “Warum bestimmte Gruppen in der Schule teilweise so grottenschlecht sind” zugewendet.

    Außerdem: Wenn Sarrazin der Meinung gewesen wäre, dass bei bestimmten Leuten – genetisch gesehen – eh Hopfen und Hustensaft verloren ist – warum hätte er dann einen 10seitigen Maßnahmekatalog runterrasseln sollen, wie man diese Bildungslücken beheben kann? ;)

    Wäre ja nun äußerst unlogisch gewesen. Ob die Vorschläge von ihm (bzw. er hat in dem Fall ja damals schon ellenlang Buschkowsky zitiert) nun immer das Gelbe vom Ei sind, ist ne andere Frage.

    Ne ne – so klappt das nicht, Sarrazin zu “enträtseln”, bzw. die “gesellschaftliche Reaktion” darauf ;)

    Den “Vorwurf”, den man ihm sicherlich machen kann – oder auch nicht – warum er dann das Heft des Handelns nicht in seine eigenen Hände genommen hat? Das er bei der nächsten Wahl mit einer eigenen “Partei” oder ähnlichen Konstruktionen locker über 15% gekommen wäre, dürfte eigentlich auch den stärksten Sarrazin-Kritikern klar gewesen sein.

    Oder eher – muß man wohl so sagen – wie ein Damoklesschwert über deren Häuptern geschwebt haben ;)

    Anders sind solche literarischen Schnellschüsse (bzw. intelektuellen Rohrkrepierer) wie von einer Fr. Foroutan eher nicht erklärlich, als dass denen der “Arsch auf Grundeis” gegangen ist.

  3. An diesem Artikel ist nichts stimmig. Schon der Aufhänger ist falsch gewählt – das Bad Cop-Good Cop Prinzip. Die Islam- und Einwanderungskritiker der Nullerjahre waren nicht Verdächtige im Verhör, sondern bereits auf der Anklagebank eines Schauprozesses, bei dem das Urteil vor der Verhandlung fest stand und lautete: Im Namen des deutschen Volkes befinden wir die Angeklagten für schuldig der fremdenfeindlichen Hetze und der Propagierung des Nazitums. Sie waren schon so gut wie im Gefängnis und jeder ihrer Anwälte wie Heisig, Kellec und Sarrazin hat die mit Pedrodollars gekauften Gesinnungsrichter wütender gemacht, weil sie den Prozess erschwerten. Das ist ein schlüssiges Bild. Wäre es gewählt worden, hätte man auf Behauptungen verzichten können wie etwa:

    “Viel hätte nicht mehr gefehlt, und Islamkritik und die Forderung nach einem den Deutschen nützenden Einwanderungsgesetz wären etablierte Haltungen geworden.”

    Jede Schilderung, die mit “viel hätte nicht gefehlt” anfängt oder enthält, hat das Zeug zur Verleumdung. Und genau das ist aus dem Aufsatz im Verlaufe des Schreibens geworden. Es hätte den Autor erschrecken müssen, dass bei seiner Analyse aus dem Held ein Lump wird. Er hätte den Artikel in die Tonne treten sollen, anstatt den eigenen Ruf zu schädigen.

  4. Ich verstehe ja bekanntlich nicht immer, was Sie schreiben, aber diesem Kommentar kann ich mich nur anschließen.

    Sarrazin als verkleideter Büttel der Multikulti-Jünger und devoter Machterhalter der volksfernen Meinungsdiktatoren… soll das Satire sein oder mimt der Blaue Doc jetzt hier den Good Cop für etwaige U-Boote?

  5. Sagen Sie was Sie wollen: mit dem Verlauf der Debatte seit Sarrazins Buch kann man kaum zufrieden sein. Ob dieser Verlauf in der Tat seine Absicht war, sei dahingestellt. Jemandem, der ohne mit der Wimper zu zucken an einem Tag einer rot-roten Koalition angehört, am nächsten dann zu seiner Partei konträre Thesen und Faktensammlungen veröffentlicht um dann am dritten Tag wieder an derselben zu kleben, anstatt konsequent zu sein, kann man aber einiges zutrauen. Ich frage mich wirklich, ob er zum Held der Integrations- und Einwanderungsdebatte, zum Säulenheiligen der Islamkritik, taugt.

    Wie ich sehe, gab es bereits 2010 einen Kommentar im Tagesspiegel mit einem teilweise ähnlichen Ansatz
    http://www.tagesspiegel.de/meinung/sarrazin-und-heisig-wann-werden-buergeraengste-ernst-genommen/1931780.html

    Vielleicht entsprechen Sarrazins auch dort verhöhnte genetische Ansätze dem Stand der Forschung, und ihn deswegen anzugehen war ungerecht und ungerechtfertigt. Aber es war absehbar, daß es geschehen würde. Wer einer Bewegung helfen will, sollte anders vorgehen. Auch in diesem Magazin konnte man lesen, wie ein Kommentator, der nur den Begriff “Designerbabys” verwendet, die politisch korrekte Empörung zu spüren bekommt (Kommentar zu “Gleich, gleicher, gleichgültig”, http://www.blu-news.org/2012/12/14/gleich-gleicher-gleichgultig/).

  6. “Aber es war absehbar, daß es geschehen würde. Wer einer Bewegung helfen will, sollte anders vorgehen.”

    Nichts ist absehbar. Schon gar nicht Bewegungen. Niemand kann absehen, wie sich die Welt durch die Erfindung des Computers und des Internet verändern wird. Man kann nur eines sagen: Keine technische Erfindung und wissenschaftliche Erkenntnis hat jemals geschadet. Sarrazin hat als Autor Millionen zu Erkenntnis verholfen. Als Parteigründer hätte er sich lächerlich gemacht. Viel lächerlicher als durch seine vergebliche Hoffnung, dass die SPD durch ihn und seine wenigen Freunde eine Wandlung erfährt. Man lese von Arnims Buch “Volksparteien ohne Volk”.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>