Frankfurt Regional Titel — 04 Dezember 2012

Leitartikel: Frankfurter Rundschau geht ihrem Ende entgegen

Ist bereits Geschichte: Das 2004 abgerissene Rundschau-Haus in Frankfurt (Bild: Michael König (Magadan); Quelle: Wikipedia; Rechte: GNU-FDL / CC-by-SA; Original: Siehe Link)

In mehreren Artikeln versucht die Frankfurter Rundschau (FR), für sich und ihre Rolle auf dem Zeitungsmarkt zu werben. Den mitunter sehr pathetischen Texten steht aber eine zunehmend schlechter werdende Aussicht gegenüber. Mit großer Wahrscheinlichkeit geht das Traditionsblatt tatsächlich seinem Ende entgegen.

Die FR-Redaktion ist sichtlich bemüht: Bemüht, für das eigene Angebot zu werben; bemüht, die Tradition und Geschichte der insolventen Zeitung hochzuhalten; mitunter auch bemüht, die verheerende wirtschaftliche Lage schön- und das nahende Ende wegzureden.

Kurz nachdem die Zeitung Insolvenz anmelden musste, ging sie mit einem “Solidaritäts-Abo” in die Offensive. Nach Opel, Griechenland und dem Euro soll Ottonormalverbraucher nun die sterbende Zeitung retten. Und tatsächlich soll es laut Eigendarstellung der FR eine Welle von Bestellungen für das “Solidaritäts-Abo” geben. 1700 Bestellungen seien mittlerweile eingegangen. Allerdings: Nur drei Monate lang läuft das “Solidaritäts-Abo”. Und dann?

“Uns geht das Geld aus”

Tatsächlich könnte die Solidarität der neuen Abonnenten sogar schon viel früher enden, wenn auch unfreiwillig. Dann nämlich, wenn die FR schon im Januar den Betrieb gänzlich einstellen müsste. Und das erscheint derzeit sehr wahrscheinlich. “Uns geht das Geld aus”, sagte Insolvenzverwalter Frank Schmitt jüngst gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Da scheinen auch das Solidaritäts-Abo und die zahlreichen “Extra-Anzeigen” nichts dran zu ändern.

Bis zum Jahresende muss ein Investor gefunden werden, der bereit ist, das hoch defizitäre Blatt mitsamt seiner Schulden zu übernehmen. Zuletzt waren die SPD-Medienholding DDVG und danach die DuMont-Verlagsgesellschaft daran gescheitert, die Zeitung rentabel zu machen. Und das, obwohl beide Eigentümer nicht unwesentliche Summen in die Zeitung investiert und teils große Restrukturierungsmaßnahmen angestoßen hatten. Vergeblich.

Dass ein weiterer Investor bereit ist, das Risiko in Kauf zu nehmen, eine große Summe zu investieren, um erneut an dem zu scheitern, woran schon DDVG und DuMont gescheitert sind, erscheint äußerst unwahrscheinlich. Es gäbe zwar “namhafte Interessenten aus dem In- und Ausland”, so Schmitt. Doch scheinen sich diese vornehmlich nur für die FR-App zu interessieren, nicht aber für das eigentliche Sorgenkind, den Zeitungsverlag mitsamt kostenintensiver Redaktion und Verwaltung.

Typisch für die Berichterstattung der FR

Über die sorgenvollen Aussagen des Insolvenzverwalters wurde in der FR nicht berichtet. Stattdessen heißt es dort, ganz Frankfurt kämpfe für seine Zeitung. 1700 Soli-Abonnenten stehen für ganz Frankfurt? Das ist typisch für die Berichterstattung der FR, in der gerne auch mal ein paar Tausend linksextremen Demonstranten angedichtet wurde, sie würden für die Mehrheit der Gesellschaft, gar fürs deutsche Bürgertum, sprechen. Tatsächlich führt die FR-Redaktion mit der Berichterstattung über ihren eigenen Niedergang einmal mehr deutlich vor, warum dieser Niedergang einer einst bedeutenden Tageszeitung irgendwann unausweichlich wurde: Weil die journalistische Qualität über die Jahre zunehmend in den Hintergrund rückte, man stattdessen fast nur noch aus offensichtlichen, zumeist politischen Motiven ein Zerrbild der Realität gezeichnet hat.

Dass es im Internetzeitalter schwieriger für Zeitungen ist, erfolgreich am Markt zu bestehen, steht außer Frage. Umso wichtiger ist es in dieser Zeit, in der die Leser jeden Inhalt mit eigener Recherche relativ schnell überprüfen können, die eigene Leserschaft nicht für blöd verkaufen zu wollen, gleichwohl sich nicht zu sehr politisch zu verengen. Genau das ist aber in der FR geschehen. Selbstkritik, gar eine Analyse eigener Verfehlungen, sucht man in der Zeitung allerdings vergeblich. Letztlich dürfte auch das manch einen potenziellen Investor noch umso mehr abschrecken.

Noch viel einseitiger

Dass die Schuld für den Niedergang der FR längst nicht nur in äußeren Umständen wie dem Siegeszug des Internets begründet ist, zeigen die Auflagenzahlen anderer Zeitungen: Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) blieb in den vergangenen Jahren relativ stabil bei einer Auflage von ungefähr 380.000 Stück (nachdem sie Ende der 1990er Jahre noch bei 420.000 Stück lag). Die Süddeutsche Zeitung (SZ) konnte ihre Auflage zwischenzeitlich sogar steigern, verlor dann aber wieder und liegt nun ziemlich genau da, wo sie Ende der 90er-Jahre lag (427.000 Stück). Die Zeit konnte ihre Auflage im selben Zeitraum sogar von 450.000 Stück auf 550.000 Stück steigern. Beispiele, die zeigen, dass die FR-Pleite nicht unausweichlich war, die Gründe für ihr Scheitern wohl vornehmlich bei ihr selbst zu suchen sind. Und sicher spielt dabei eine Rolle, dass die FR auch im Vergleich mit anderen links-orientierten Zeitungen wie der SZ oder der Zeit noch linker, noch radikaler, noch politisch voreingenommener und vor allem: noch viel einseitiger erschien.

Die FR-Insolvenz ist angesichts der Geschichte der Zeitung zu bedauern, angesichts ihres Auftritts in der jüngeren Vergangenheit jedoch logisch, konsequent und überfällig. Sie ist zuvorderst daran gescheitert, dass die Welt eben nicht so ist, wie ihre Redaktion sie gerne dargestellt hat. Und das gilt wohl in vielfacher Hinsicht, wie sich nun – welch große Pointe zum Schluss –  in ihrer bisweilen skurrilen Darstellung ihres eigenen Ablebens zeigt. (ME)

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blu-News

(4) Readers Comments

  1. Wurden die 1700 Solidaritäts-Abonnenten, die vermutlich im Voraus bezahlten, darauf hingewiesen, dass sie möglicherweise nicht mehr alle Auslieferungen erleben werden?

  2. Wurden 82 Millionen Euro-Retter darauf hingewiesen, dass sie sehr wahrscheinlich keinen verdammten Cent wiedersehen werden???
    :D

  3. Super Text und auf den Punkt gebracht… Die FR ist so oder so ein sterbendes Blatt.

  4. Die FR macht pro Quartal ca. 40 Millionen Miese. Die Soli-Abos bringen pro Quartal rund 100 Euro – bei 1.700 derartiger Abos macht das gerade mal 170.000 Euro zusätzliches Geld. Daran bedienen sich die Gläubiger und (reichlich) der Insolvenzverwalter. Dass das also auch nur im entferntesten etwas mit Zukunftsträchtigkeit zu tun hat, ist ja offensichtlich: benötigte 400.000 gegen tatsächliche 1.700!

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