Leitartikel: Garmisch-Partenkirchen und das Erbe Paul von Hindenburgs

Der zweite Reichspräsident der Weimarer Republik, Paul von Hindeburg (Gemälde von Max Liebermann, gemeinfrei)

Historisches ist Corinna Strebert nicht fremd. Mit viel Liebe zum Detail sammelt die resolute Strebert zusammen mit ihrem Ehemann historische Aufnahmen. Doch im Zusammenhang mit ihrem Wohnort spielt die Geschichte nun mittlerweile eine zu große Rolle. Strebert lebt und wohnt in der Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen. Mehr noch: In der Hindenburgstraße. Benannt nach dem zweiten Reichspräsidenten der Weimarer Republik, Paul von Hindenburg, kreuzt die Verkehrsader die im Ortsteil Partenkirchen gelegene Hauptstraße. Doch mittlerweile wurde durch den Gemeinderat Garmisch-Partenkirchens die Hindenburgstraße umbenannt. Schließlich – so die Begründung – hatte der im Ersten Weltkrieg zum Generalfeldmarschall aufgestiegene Hindenburg in seiner Zeit als Reichspräsident Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt und war somit dessen Steigbügelhalter. Ein geschichtlicher Zusammenhang, der auch den Stadtrat im westfälischen Münster zu einem ähnlichen Entschluss geführt hatte (blu-News berichtete).

In Garmisch-Partenkirchen hat man sich dazu entschlossen, die nach Hindenburg benannte Straße in zwei Teile aufzuspalten. Der eine Teil wurde nach einem früheren Bürgermeister des Ortes unter der Zugspitze benannt, der zweite Abschnitt nach einem Ehrenbürger. Florian Nöbauer, Sprecher des Bürgermeisters, berichtete gegenüber blu-News von der großen Mühe, die sich die Marktgemeinde, die aus touristischen Gründen gerne auf die Bezeichnung Stadt verzichtet, mit der Entscheidung gemacht habe. „Immerhin wurde hier der älteste Antrag in der Geschichte der Gemeinde behandelt“, so Nöbauer. Schließlich wurde schon im Sommer 1946 der Antrag gestellt, Hindenburg aus dem Verzeichnis der Straßennamen zu tilgen. Der Ausschuss, der sich mit der Umbenennung befasste, war zu dem Schluss gekommen, dass Hindenburg eine historische Figur sei, die man in Zusammenhang mit den nationalen Sozialisten als zu belastet betrachten müsse.

Sag mir, wo du stehst

Doch hat der Ausschuss offen diskutiert? Wohl kaum. Wer sich für Hindenburg oder auch nur gegen die Änderung des Straßennamens aussprach, der landete – wen mag´s wundern – sehr schnell im Verdacht, ein Sympathisant der Braunen zu sein. Eher erleichtert stellte man daher fest, dass sich nur wenige zu opponieren trauten. „Ich denke nicht, dass Garmisch-Partenkirchen aufgrund einzelner, erkennbarer Pro-Hindenburg-Stimmungen medial in die rechte Ecke gerückt wird“, zitierte der Münchner Merkur den Bürgermeister Thomas Schmid vom Christlich Sozialen Bündnis (CSB).

Doch nicht alle wollen sich dem Diktat unterwerfen, und schon gar nicht der recht plumpen Schlussfolgerung, wer gegen eine Umbenennung ist, sei für Hitler und dessen Schergen. Dazu gehören auch Corinna Strebert und ihr Ehemann Joachim Sproll. Das Ehepaar kann in dieser Einseitigkeit in Hindenburg nicht den Steigbügelhalter Hitlers erkennen, wie er insbesondere von Verwaltung und der Mehrheit im Gemeinderat dargestellt wird. „Wir wollen in dieser Frage einen Bürgerentscheid herbeiführen“, zeigte sich Strebert gegenüber blu-News entschlossen. Den Gemeinderat hatte die streitbare Strebert trotz offenen Briefes nicht erreicht.

Jude gegen Reichspräsident

Dabei empört Corinna Strebert und Joachim Sproll, wie zur Durchsetzung der Umbenennung der jüdische Ehrenbürger Hermann Levi benutzt wurde. „Der Gemeinderat hat einen Teil der Hindenburg-Straße in Hermann-Levi-Straße umbenannt und hat so den Juden Levi für diesen Zweck, Hindenburg loszuwerden, missbraucht.“ Was harsch klingt, hat reale Hintergründe. Tatsächlich ist es merkwürdig, dass die Gemeinde Levi nicht wieder jene Straße widmete, die schon bis 1935 nach ihm benannt gewesen war. Doch nicht die heutige und von den nationalen Sozialisten sogenannte Karwendelstraße sollte den Namen Levis tragen, sondern ein Teil der Hindenburgstraße. Nach Ansicht der Gemeinde sei die Rückbenennung der Karwendelstraße in Hermann-Levi-Weg „nicht zielführend“. Schließlich ginge es vor allem darum, den Namen Hindenburg verschwinden zu lassen. Eine Aussage, die die Einschätzung Strebert nur allzu klar bestätigt.

In keinem guten Zustand: Das Grab von Hermann Levi (Bild: Aktion PRO Hindenburgstraße; Mehr Bilder: Siehe Link)

Den Vorschlag aus dem Jahr 2008, den Kurpark Garmisch-Partenkirchens in Hermann-Levi-Park umzubenennen und den Ehrenbürger so zu rehabilitieren, griff der Marktgemeinderat über die letzten vier Jahre nicht auf. Wie wenig man in Garmisch-Partenkirchen an Levi interessiert war, als es noch nicht darum ging, Hindenburg loszuwerden und einen der Vorgänger des jetzigen Bürgermeisters mit der Benennung einer Straße zu ehren, zeigt auch ein anderer Umstand: Der Umgang mit Levis Grab. Dieses ließ die Gemeinde zunächst verfallen und nahm sich dessen erst an, als in der Diskussion um Levi und Hindenburg Bilder und Berichte um den Umgang mit Levis Grab auftauchten.

„Dieser Umgang mit Levi, den man nur benutzt, das nenne ich braun“, zeigt sich die Initiantin des Bürgerbegehrens empört. Sie ist sich sicher, unter den wahlberechtigten Bürgern Garmisch-Partenkirchens die 1.712 Unterstützer zu finden, deren Unterschriften für das Bürgerbegehren notwendig sind. Schließlich hatte sie bereits in kürzester Zeit über 1.000 Unterschriften gesammelt, die aber aus formalen Gründen nicht als Unterstützung für ein Bürgerbegehren anerkannt wurden. Daher soll das Verfahren nun noch einmal neu ins Rollen gebracht werden. Der klare Beschluss des Gemeinderates könnte somit gekippt werden.

Steht die nächste Umbenennung ins Haus?

Und nicht alle Vertreter im 30-köpfigen Gemeinderat ließen sich durch die schwarz-weiße, oder doch vielmehr Gut-Braun-Diskussion ins Bockshorn jagen. So etwa Max Wank (CSU). Zusammen mit drei Abweichlern der CSB-Fraktion, drei CSU-Mitgliedern und dem Vertreter der Bayernpartei stimmte er gegen die mit 20 zu 7 Stimmen beschlossene Umbenennung der Hindenburgstraße. „Ich bin nicht nur gegen die Umbenennung. Vielmehr werde ich auch ein Bürgerbegehren durch meine Unterschrift unterstützen“, erklärt der Gymnasiallehrer gegenüber blu-News, nachdem er mit seinem Vorschlag im Gemeinderat gescheitert war, die Karwendelstraße in Hermann-Levi-Straße zurück zu benennen. Wank ist der Ansicht, dass die Faktenlage es nicht rechtfertige, den eigenen Bürgern einen solchen Aufwand zuzumuten.

Derweil könnte dem Ort in den bayerischen Alpen schon die nächste Diskussion ins Haus stehen. Von blu-News danach befragt, ob die Gemeinde denn auch daran denke, die Ludwig-Thoma-Straße umzubenennen, zeigten sich manche der Umbenennungsbefürworter teils zurückhaltend, teils begeistert. Der in Oberammergau geborene Ludwig Thoma gilt als einer der herausragenden bayerischen Schriftsteller. Seine „Lausbubengeschichten“ waren nicht nur zu seiner Zeit sehr erfolgreich, sondern wurden unter anderem in den 1970er Jahren verfilmt.

Doch Thoma hatte auch eine weniger schöne und spitzbübische Seite. So hatte er in den letzten Monaten seines Lebens unter Pseudonym etliche hetzerische Artikel verfasst. Berlin etwa galt dem bayerischen Volksdichter als „Mischung von galizischem Judennest und New Yorker Verbrecher-Viertel“. Als ein Menetekel des Kommenden stellte der Schriftsteller zwischen 1920 und 1921 noch ganz andere Zeiten in Aussicht. Denn dann könnte der „Antisemitismus noch ganz andere Formen annehmen und sich nicht nur darauf beschränken, Hakenkreuze anzumalen“. Das war keinesfalls die Warnung eines Besorgten. Denn im Zusammenhang mit den Morden an dem sozialistischen Ministerpräsidenten von Bayern, Kurt Eisner, und dem Sozialisten Gustav Landauer (beide 1919), stellte Thoma lakonisch fest: „Immerhin waren das nur Vorspiele zu größeren Kuren, die wir uns gelobt haben, für den Fall, daß sich die Beschnittenen bei uns noch einmal mausig machen. Dann geht’s aus dem Vollen.

Geschichte von Umbenennungen

Wurde in Schlossplatz umbenannt: Der ehemalige Hindenburgplatz in Münster, Westfalen (Bild: WIKImaniac; Quelle: Wikipedia; Rechte: CC/GNU-Lizenz; Original: Siehe Link)

Zitate, die berechtigten Anlass geben, kritisch mit dem Erbe Thomas umzugehen. Aber dieses gleich aus dem kollektiven Gedächtnis zu streichen, indem man die Namen wie zu Zeiten der Pharaonen tilgt? Schließlich stehen Marx und Engels nicht nur friedlich in Berlin als Denkmal (sic!) in der Hauptstadt Deutschlands. Angesichts dessen sollte auch mit einer bei weitem nicht so eindeutigen Figur wie Hindenburg eine differenzierte Aufarbeitung möglich sein. So findet man in Mainz die Synagoge in der Hindenburgstraße. Sollte das der bessere Umgang mit der Geschichte sein, als das bloße Tilgen von Namen, um sich und seiner Umwelt die richtige Gesinnung attestieren zu können?

Die Fraktionsvorsitzende der SPD in Garmisch-Partenkirchen, Dr. Sigrid Meierhofer, die zutiefst überzeugt für die Umbenennung der Hindenburgstraße stimmte, wollte sich gegenüber blu-News noch nicht abschließend zu einer Umbenennung der Ludwig-Thoma-Straße äußern. Die Gemeinderätin, die bis zum Gespräch mit blu-News nicht einmal wusste, dass der von ihr mitverwaltete Ort eine Straße nach Ludwig Thoma benannt hat, wollte eine Umbenennung einer weiteren Straße nicht ausschließen. „Darüber wird man diskutieren müssen“, meinte die Ärztin.

Das wäre dann die zweite Umbenennung der Ludwig-Thoma-Straße, die bis 1946 den Namen eines Jagdfliegers im Ersten Weltkrieg, Oswald Boelke, trug. Da die Alliierten aber von den Garmischern nicht nur die Tilgung von Nazi-Größen aus dem Stadtplan verlangten, sondern auch den Militarismus bekämpfen wollten, wurde die Straße des Pour-le-Mérite-Trägers nach dem damals noch als unumstritten geltenden Thoma benannt. Eine Umbenennung der Hindenburgstraße verlangten die Amerikaner von der Gemeinde, die 1936 für Hitler die Olympischen Winterspiele ausrichtete, jedoch nicht.

Anders als die SPD-Gemeinderätin sah der Sprecher des Bürgermeisters angesichts der Ausfälle des Volksdichters Thoma Handlungsbedarf. „Wir werden das dem zuständigen Ausschuss  vorlegen“, stellt Pressesprecher Nöbauer gegenüber blu-News klar. Sicher werden sich noch weitere Straßen finden lassen, die es gewissen Kreisen ermöglichen, ihre „korrekte Gesinnung“ zu demonstrieren. Doch offenbart man damit möglicherweise mehr Nähe zu jener Geisteshaltung, die man vorgeblich bekämpfen möchte, als man es selbst wahrhaben will? Denn jenen Mut, den man zu Zeiten des Dritten Reiches so schmerzlich vermisste, zeigt man üblicherweise in der (gefühlten!) Minderheit. Aber vielleicht sind die Mutigen dieses Mal trotz aller „braunen Verdächtigungen“ in der Mehrheit. Ein Bürgerentscheid und die Diskussion darüber würden es zeigen. (CJ)

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(2) Readers Comments

  1. Na das nenne ich mal effiziente Gemeinderatstätigkeit – nur 66 Jahre Bearbeitungszeit – Hut ab! Aber von den Garmischern ist wohl nach ihrem “kein Gipfelkreuz” für arabische Touristen alles an Blödheit zu erwarten. Die erwähnte Grabpflege des angeblich so hochgeschätzen Levi deutet darauf hin, dass man sich in Garmisch wohl für nichts zu schade ist, in die Schlagzeilen zu kommen (seht her, wir sagen den Nazis den Kampf an – LOL), anders kann ich mir den Hindenburgschen Krampf nicht erklären.

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