Frage an den blauen Doc Meinungen Titel — 24 September 2012

Frage an den blauen Doc: Kann ein Arzt auch mal Nein sagen?

Bei manchen Tätigkeiten bleibt der Arzt gern anonym.
(Bild: Ben Barber, USAID; Quelle: Wikimedia; Rechte: Public Domain; Original: siehe unten)

Der Barbier im Mittelalter hatte eine ganze Reihe von Aufgaben. Dazu gehörte, wie man weiß, neben dem Haareschneiden auch das Zähneziehen. Heute, in der Zeit der 10€-Friseure, ist das ein schauriger Gedanke, doch die Realität ist noch schauriger.

Das Justizministerium wünscht, dass es straffrei bleibt, wenn die Beschneidung nach den Regeln der ärztlichen Kunst vollzogen wird. Sie könne auch durch jemanden vorgenommen werden, der die Beschneidung „genauso gut wie ein Arzt“ beherrscht, wenn ihn seine Religionsgemeinschaft dafür vorgesehen hat, also auch durch den Friseur. Aber in der Regel soll dies der Arzt sein. Mal ehrlich: wer würde sich von seinem Arzt die Haare schneiden lassen?

Hat eigentlich jemand die Ärzte gefragt, ob sie überhaupt dazu bereit sind, so ganz nebenbei die standesrechtlichen Grundsätze über Bord zu werfen? Heißt „nach den Regeln der ärztlichen Kunst“ nicht zu allererst, dem Patienten nicht zu schaden? Also bereiten wir uns darauf vor, für religiöse Verrichtungen den Arzt aufzusuchen. Vielleicht vollzieht er auch die Taufe, die Trauung, den Exorzismus? Oder aber ich bringe meinen Bengel zum Arzt, damit er ihm – nach den Regeln der ärztlichen Kunst, versteht sich – eine Tracht Prügel verpasst, die er schon lange verdient hätte, deren Verabreichung mir aber von Gesetzes wegen verboten ist.

Auch die Todesstrafe könnte wieder eingeführt werden. Man könnte die Delinquenten dann zum Arzt führen, damit er diese dann standesrechtlich erschießt. Wenn’s der Barbier genauso gut kann, dann darf er es dann übernehmen.

Wer sagt, das wäre vollkommen absurd, hat die Debatte um die Sterbehilfe verpasst. Im dort diskutierten Gesetzesentwurf soll die gewerbliche Sterbehilfe verboten werden. Ausdrücklich für die Durchführung der Sterbehilfe empfohlen wird dann doch eine Sorte von Gewerbetreibenden: die Ärzte.

Wenn es ein Thema gibt, bei dem wir am Ende alle gleich sind, dann ist das wohl der Tod. Dennoch ist es auffällig, wie sehr sich gerade die Generation Cool von den Grünen mit einer besonders liberalen (?) Haltung zur Sterbehilfe präsentiert. Die Piraten befassen sich in Ihrem Programm übrigens nur im Zusammenhang mit Drogen mit dem Thema Gesundheit. Der Tod kommt gar nicht vor. Vielleicht sind sie von ihrem eigenen Ableben in Raten daher so überrascht.

Jetzt soll also der Arzt auch noch für die erste Hilfe bei der letzten Ölung herangezogen werden. Nach der Beihilfe zum eingangs erwähnten religiösen Akt ist das in gewisser Weise konsequent. Soll das dem traurigen, schmerzlichen und höchstpersönlichen Vorgang einen Nimbus von Amtlichkeit und Ehrenhaftigkeit verleihen? Soll es eventuelle Zweifel verscheuchen, wenn ein Arzt darüber wacht?

Es bleibt die Frage, wer es denn sonst tun sollte, das Beschneiden und das Sterbenhelfen, wenn die Ärzte dazu nicht bereit wären. Die Beschneidung hat diesseits der Aufklärung keine Existenzberechtigung, dieser Teil erübrigt sich also. Eine mögliche Antwort bei der Sterbehilfe: die allernächsten Angehörigen. Und wenn die sich nicht trauen? Wenn sie sich das nicht zumuten wollen? Dann sollten sie es unterlassen und die Handlung nicht an einen approbierten Vollstrecker delegieren!

Bild: Ben Barber, USAID; Quelle: Wikimedia; Rechte: Public Domain; Original: siehe Link

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Thomas Frieling

Für den Physiker ist klar: Demokratie ist keine exakte Wissenschaft, und Politik ist es ebensowenig. Tagesaktuelle Themen und solche, die immer wieder für Aufmerksamkeit sorgen, stellt er - in blu-News als der Blaue Doc - aus unüblichen Blickwinkeln dar, manchmal eher nüchtern, manchmal satirisch aber niemals nur aus Spaß.

(10) Readers Comments

  1. Vernünftig ist bei dem Entwurf der Schnarrenberger das das Kind RECHTLOS gestellt wird. Es sollte auch explizit das Klagerecht des Kindes für alle Zeit unterbunden werden. Wenn es irreparable Schäden zurückbehält muß es für sich selber sorgen und nicht der Allgemeinheit oder den Eltern zur Last fallen. Wenn es aufgrund der GENITALVERSTÜMMELUNG abkratzt erledigt sich der Fall von alleine und alles ist gut. Wichtig ist, das keiner für die Genitalverstümmelung aus abergläubischen Gründen zur Rechenschaft gezogen werden kann. Und natürlich haben wegen des GLEICHHEITSGEBOTES Mädchen auch ein Recht auf GENTALVERSCHÖNERUNG incl. ZUNÄHEN des RESTES! Diese GESCHENK dürfen wir den Mädchen nicht Vorenthalten. Punkt 2: Wann werden die STEINIGUNGSGRUBEN gesetzlich erlaubt?

  2. Diesen Vorschlag des Bundesjustizministeriums kann man wohl ohne jede Umschweife als Kapitulation bezeichnen. Ich bin entsetzt, geradezu fassungslos.

    Der Vorschlag ist so windelweich formuliert, daß er in alle Richtungen dehnbar ist. Letztlich kann sich nun wohl doch jeder, der ein scharfes Messer besitzt, damit an wehrlosen Kindern vergehen (zumindest in den ersten sechs Monaten, als wenn Neugeborene noch kein Schmerzempfinden besäßen) – und das höchstwahrscheinlich ohne jegliche Betäubung (“bei Bedarf”)! Dafür bräuchte man schließlich einen Anästhesisten. Oder ist das auch egal? Kriegen die Religionsgemeinschaften jetzt vielleicht auch Dormicum auf kultursensible Weise frei Haus?

  3. Beschneidung sollte zur Pflicht werden. Zuersteinmal sollte bei der SCHNARRENBERGER angefangen werden. Damit sie sich einen Eindruck verschaffen kann wie das vor sich geht!. Natürlich ohne Narkose, öffentlich und von einem anerkannten Diletanten vorzunehmen. Vorher muß sie ihre schriftliche Einwilligung geben. Falls sie geistig dazu nicht in der Lage ist kann das ein entfernter Verwandter übernehmen. Schadensersatz bei Pfusch und Strafverfolgung werden ausdrücklich ausgeschlossen. Im übrigen sollte das GRUNDGESETZ abgeschafft werden. Denn es ist vollkommen nutzlos da es keine Beachtung mehr findet! Stattdessen könnte die Shariagesetzgebung vorgezogen werden. gez. Fröhliches Genitalverstümmeln!

  4. Nur mal nebenbei. Ein Arzt ist kein Gewerbetreibender.
    Er ist Freiberufler. Das ist – auch speziell in diesem Kontext – ein erheblicher Unterschied.

  5. “Dennoch ist es auffällig, wie sehr sich gerade die Generation Cool von den Grünen mit einer besonders liberalen (?) Haltung zur Sterbehilfe präsentiert.”

    Und wie präsentieren sie sich?
    Die Angehörigen sollen Sterbehilfe leisten, aha. Nach einem persönlichem Erlebnis im eigenem Umfeld, mit einem qualvoll dahinsiechenden Menschen und der Hilflosigkeit der nächsten Angehörigen halte ich diese Aussage für gefühlskalt und an der Realität vorbei. Nicht immer stehen die Angehörigen beim seit Jahren leidenden und darniederliegenden Liebsten am mit weißer Wäsche bezogenen Bett a la Rosemunde Pilcher . Nein, die Realtiät ist meist etwas unbarmherziger. Nicht mal an den eigenen Haustieren legen die nächsten “Angehörigen” letzte Hand an, dazu brauchts auch den Tierarzt und das ist gut so.

  6. Wenn Sie den Arzt in dieser Rolle sehen, sind Sie nicht alleine. Der Präsident der Bundesärztekammer, Montgomery, wird dagegen mit dem Satz zitiert “Unsere Position ist eindeutig: Als Sterbehelfer stehen wir nicht zur Verfügung”.

    Natürlich ist die Vorstellung, Sterbehilfe könnte eine reine Sache der Familie sein, provokativ. Die Vereinnahmung der Ärzte ist es aber ebenso, denn auch diese sind nicht gefühlskalt. Die Debatte wird noch etwas weitergehen, und das ist gut so.

    In einem Punkt muß ich mich allerdings korrigieren: die Grünen sind heute erklärte Gegner der aktiven Sterbehilfe. Sicher hatte ich bei meinem Urteil darüber Einzelmeinungen in Erinnerung, die zumindest in der aktuellen Debatte keine Rolle mehr spielen.

  7. Was den Begriff angeht, ist es so, wie Sie schreiben. Ob es für den Fall der Beschneidung einen erheblichen Unterschied ausmacht, wenn der Freiberufler eine Honorarrechnung stellt oder der Gewerbetreibende eine Leistungsberechnung, sei dahingestellt. In beiden Fällen wird damit ein Einkommen erzielt.

  8. Sterbehilfe durch Angehörige ist halt sehr pauschal dahergeredet, oftmals ist es im Zustand zwischen Leben und Tod, zwischen Leiden und Leben nicht mit der Verabreichung einer Tablette oder dergleichen getan. Des weiteren muss zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe unterschieden werden. Ob die Angehörigen immer im Sinne des Leidenden (und oftmals hilflosen) handeln, wage ich zu bezweifeln. Wer setzt schon dem liebsten Menschen in seinem Leben gerne eine Ende. Haustiere lässt man nicht leiden, da gibts die Spritze und das wars. Menschen dagegen – habe ich schon öfters erlebt – haben zu leiden, bis zum letzten Atemzug.

  9. Der Gedanke, daß Sterbehilfe zu einem amtlichen Vorgang werden könnte, unter ärztlicher Aufsicht, bleibt mir unbehaglich. Das Thema ist für eine Glosse aber nicht geeignet – die Vereinnahmung der Ärzte hierfür m.E. aber doch.

    In diesem Zusammenhang wird von einer Frau berichtet, die in den USA darum gestritten hat, sterben zu dürfen. Nach dem gerichtichen Erfolg besann sie sich aber und möchte nun doch weiter an den Apparaten bleiben:
    http://newyork.cbslocal.com/2012/10/05/state-sides-with-terminally-ill-woman-in-right-to-die-case/

  10. Nochmal: Es handelt sich beim Kampf mit dem Tod oftmals um eine Ausnahmesituation und nicht immer handelt es sich um Menschen, die seit Jahren sterben möchten, oder, wie der zitierte Fall, selbst entscheiden können. Noch ging es um das Thema Sterbehilfe ja oder nein, im Raum stand die Verantwortung der Ärzte, sollte aktive Sterbehilfe je ein Thema sein, bzw. dies den Angehörigen aufzulasten. Hier einen Einzelfall exemplarisch aus der Tasche zu ziehen, kann dem Thema nicht gerecht werden, weil man bei diesem Thema immer im Einzelfall entscheiden müsste. Dass die Sterbehilfe ein amtlicher Vorgang werden soll, steht auch nicht zur Debatte, vielmehr wer in eine Ausnahmesituation den besseren, nüchternen Überblick bewahren kann. Natürlich sind Ärzte nicht gefühlskalt, wer sagt das? Aber sie müssen sich professionell verhalten und den nötigen (emotionalen) Abstand zum Patienten finden, sonst könnten sie ihren Beruf kaum ausüben, angesichts des täglichen Leids. Das Thema ist für eine Glosse nicht geeignet, mag sein, aber dann sollte man vielleicht nicht einen Bogen von der Beschneidung zu einem so ernsten Thema spannen. Und der im Gesetzesentwurf zitierte Satz: “Im dort diskutierten Gesetzesentwurf soll die gewerbliche Sterbehilfe verboten werden. Ausdrücklich für die Durchführung der Sterbehilfe empfohlen wird dann doch eine Sorte von Gewerbetreibenden: die Ärzte.” Also wenn mir mal einer die letzte Spritze verabreicht, hätte ich gerne, dass es sich um jemanden handelt, der auch einschätzen kann was er da tut, sonst wären wieder bei dem bei der Beschneidungsdebatte kritisiertem Punkt, dass unqualifizierte Menschen das durchführen (und das war doch die Kritik der Kolumne, oder?). Außerdem handelt es sich bei dem Akt an sich nicht um einen religiösen Eingriff, sondern um eben um das Entfernen eines Stückes Haut, dies wird bei vielen kleinen Jungen mit Phimose an deutschen Kliniken tagtäglich durchgeführt. Der entscheidende Unterschied: Die medizinische Indikation.

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