Frage an den blauen Doc: Entwerfen Sie noch oder leben Sie schon?

Sterben tun andere - wir leben ewig! (Bild: Maloq, modifiziertes Original von MesserWoland; Quelle: Wikimedia commons; Rechte: CC-Lizenz; Original: siehe unten)

Sterben tun andere – wir leben ewig!
(Bild: Maloq, modifiziertes Original von MesserWoland; Quelle: Wikimedia commons; Rechte: CC-Lizenz; Original: siehe unten)

„Bedenke, Du bist nur ein Mensch“ – das mussten sich laut Geschichtsschreibung römische Triumphatoren zuflüstern lassen, um nicht von ihrer eigenen Pracht hingerissen sich für so etwas wie einen Gott zu halten.

Verglichen mit den Zuständen im Alten Rom sind wir heute allesamt so wohlhabend, wie damals nur Feldherren und kaiserliches Gefolge. Gebratenes, exotische Früchte, Wein, Weib (auch Mann) und Gesang sowie Besuche entlegener Provinzen – alles in Mengen, denen nur selten der Mangel an Mitteln sondern höchstens die Einsicht Grenzen setzt, dass es vielleicht mal genug ist. Nur fehlt der Flüstersklave, der auf den lästigen Umstand hinweist, dass man trotz aller Herrlichkeit nur ein Mensch ist.

Das klingt nun allzu sehr nach Westerwelle mit seinem Brückenschlag zur spätrömischen Dekadenz. Was soll diese Predigt? Welches Spiel soll hier verdorben werden? Keine Sorge, der Herbergsvater schläft tief und fest. Es kann weitergefeiert werden. Aber wer sich nicht klar macht, dass er „nur“ ein Mensch ist, hängt der Illusion an, unsterblich zu sein. Und diese Illusion von der Unsterblichkeit – nicht die Lust am Schönen – hat über das eigene Leben hinaus Konsequenzen für die Gesellschaft. Kein Tier mit einem kleineren Gehirn, als es der Mensch mit sich herumträgt, verzichtet freiwillig und kampflos auf Nachwuchs. Der moderne Mensch lebt nicht, er vergleicht Lebensentwürfe. Kinder? Nein, vielleicht später. Da staunt der Affe, und der Rammler wundert sich.

Die heutigen Triumphatoren finden es modern, alles auszukosten. Und danach nochmal. Jeder ausgefallene Besuch des Museumsuferfests, jede ausgelassene Urlaubsreise, jedes Wochenende ohne durchgemachte Nächte oder erbauliche Kurzreisen, jede nicht wahrgenommene Karrierechance wird als riesiger Verzicht oder Verlust wahrgenommen. Der Flüstersklave könnte jetzt anmelden „Bedenke, Du hast das schon zigmal fast genauso getan“. Katy Perry preist diese Wiederholungswut sogar an, wenn sie von flotten Dreiern und beim Saufen geplünderten Kreditkarten spricht und beteuert, sie wird es am nächsten Freitag wieder so machen. All again.

So zieht man im Triumphzug Freitag um Freitag, Jahr um Jahr durch die Paradestraßen – der Spaß sei gegönnt, das Ende naht dennoch. Also doch Spaßverderber? Nein, Spießumdreher und Spießerversteher:

„Hast Du denn noch Zeit, manchmal abends in die Stadt zu gehen, oder nimmt Dich die Familie zu sehr in Beschlag“ – solche Fragen kennt man. Warum nicht mal antworten. „Hast Du denn manchmal Zeit, Dich um eine Familie zu kümmern, oder nimmt Dich die Stadt zu sehr in Beschlag?“

 

Artikelbild: No Death (Bild: Maloq, modifiziertes Original von MesserWoland; Quelle: Wikimedia commons; Rechte: CC-Lizenz; Original: siehe Link)

Share

About Author

Thomas Frieling

Für den Physiker ist klar: Demokratie ist keine exakte Wissenschaft, und Politik ist es ebensowenig. Tagesaktuelle Themen und solche, die immer wieder für Aufmerksamkeit sorgen, stellt er - in blu-News als der Blaue Doc - aus unüblichen Blickwinkeln dar, manchmal eher nüchtern, manchmal satirisch aber niemals nur aus Spaß.

(4) Readers Comments

  1. Sicher gibt es da schlauere Evolutionstheoretiker als mich, aber wenn man unterstellt, dass

    1. der Mensch in seinen Anlagen nicht auf eine Lebensdauer von 80-100 Jahren ausgelegt ist,

    2. bis vor (evolutionär betrachtet) gerade vorhin noch nur Lebensspannen von regelmäßig 40 Jahren erreichte und

    3. Beziehungen seitens der Natur (die wohl selber nicht damit gerechnet hat, dass der Mensch irgendwann nicht nach 40 Jahren abnippelt, sondern fröhlich weiterlebt und sich auch im “hohen Alter” noch reproduziert) daher nicht auf Dauer angelegt gewesen sein konnten, sondern auf Promiskuität (wie halt bei allen Tieren, vielleicht mit Ausnahme der prüden Pinguine).

    dann scheint es mir nicht abwegig, dass Menschen ihre Jugend, die – glaubt man zB Madonna oder Thomas Gottschalk – ja durchaus bis weit in die 40er reichen kann, ohne Gedanken an die Zukunft auskosten.

    Dass diese Menschen dann halt eben mit 50, 60 oder 70 merken, wie einsam es ist, jeden Freitag das sauer Verdiente in die Kneipe zu tragen und erst tief in der Nacht wieder zu Hause zu sein, weil dort schlicht keiner ist, der auf die Rückkehr wartet, sich Sorgen macht, Nestwärme spendet,… geschenkt.

    Aber da soll sich die Natur halt was einfallen lassen.
    Später.
    Ist ja noch Zeit.

  2. hm, habe früher auch so gelebt wie im Artikel beschrieben.
    Als vor 5 Jahren meine Frau einen schweren Schlaganfall erlitt stellte sich mir die Frage, was ist eigentlich wichtig im Leben, weiter so wie bisher , Frau ins Pflegeheim?
    Nein, natürlich nicht, man hat sich ja mal ein Versprechen gegeben” wie in guten so in schlechten Zeiten”, so habe ich lieber einen gut bezahlten Job aufgegeben und schlage mich als Freelancer durch, aber Hauptsache ich kann mich um meine schwerbehinderte Frau kümmern und ihr das Leben erträglich gestalten, daß ist wichtiger als alle Events, die ich dadurch verpasse und die man doch sowie so schon alle kennt.

  3. Mein lieber VS, meinen tiefsten Respekt möchte ich hiermit kundtun. Bin mir absolut sicher, dass dies der Stoff ist, aus dem die Helden sind…………..nicht wegschauen und wegdrehen wenns schwierig wird, sondern da sein, sich selbst zurücknehmen können und für einen anderen Menschen da sein, was gibt es Schöneres?
    Allerherzlichste Grüße!

  4. Dem schließe ich mich an und bedanke mich für diesen offenen und sehr privaten Beitrag.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>