Essays Hintergründe Titel — 06 August 2012

Wunderwaffen der Energieversorgung

Die Lichtmühle – nur  auf den ersten Blick ein Perpetuum mobile (Bild: Armin Kübelbeck; Quelle: Wikipedia; Rechte: CC-Lizenz; Original: Siehe unten)

Manche Begriffe aus sehr schlechten Zeiten sind zu geflügelten Worten geworden. Als der zweite Weltkrieg sich zum Ende hin quälte, wurden noch immer staatliche Durchhalteparolen verbreitet oder entsprechende Gerüchte genährt. Berühmt ist aus dieser Zeit die „Wunderwaffe“. Dieser Begriff beschreibt besser als jeder andere den Wunsch oder den Traum von einer plötzlichen Wende des Geschehens, wenn realistisch nicht mehr darauf zu hoffen ist.

In der Frage der Energieversorgung begegnen wir ebenfalls Techniken, die sich als traumhafte Lösungen präsentieren. Eben dachte man noch, man hätte nur die Wahl zwischen verschwenderischer Kohle- und Gasverbrennung, unbehaglicher Uranverstromung inklusive strahlender Abfälle und Verzicht-Üben, und da kommen herrliche Verheißungen daher.

Einige davon sollte man genauer unter die Lupe nehmen, um zu erkennen, welche der Techniken echtes Potential aufweisen und welche nur Unterhaltungswert bieten. Dabei genügt es für eine seriös geplante Energieversorgung nicht, wenn eine Technik grundsätzlich realisierbar ist. Sie muss dies auch in einem planbaren Zeitrahmen sein. Die „Energiewende“ selbst hat sich einen Meilenstein gesetzt, der als Maßstab dienen kann: „Im Jahr 2022 soll das letzte deutsche Kernkraftwerk vom Netz gehen.“ Bis dahin muss die Wunderwaffe im operativen Einsatz sein.

Bio-Masse – Erneuerbar und wetterunabhängig

In den zurückliegenden Artikeln wurde dargelegt, dass die ergiebigsten der als erneuerbar bezeichneten Energiequellen Wind und Sonne dargebotsabhängig Elektrizität liefern können und nicht bedarfsabhängig. Strebt man eine Versorgungssicherheit an, wie wir sie heute zu Hause und in der Industrie gewohnt sind, so müssen im Falle der Windenergie mehr als 90% der installierten Anlagenleistung parallel auch an konventionellen Kraftwerken bereitgehalten werden, da laut der Deutschen Energie-Agentur dena (Netzstudie 1) nur ca. 6% der installierten Windleistung als gesichert gelten kann. Für die Photovoltaik sieht das Verhältnis noch ungünstiger aus. Dennoch sind diese Techniken nicht als Wunderwaffen zu diffamieren, da sie das machen, was man von ihnen erwarten kann, und zwar heute.

Innerhalb des Arsenals der „Erneuerbaren“ gibt es nun eine Technik, die sogar bedarfsabhängig eingesetzt werden kann: Die Stromproduktion aus Biogas oder Bio-Methan. Damit könnte die prinzipbedingte Schwäche der Sonnen- und Windenergie gewissermaßen durch ein eigenes Familienmitglied ausgeglichen werden. Anstatt fossile oder nukleare Kraftwerke bereitzuhalten, könnte diese Aufgabe den Gas-Kraftwerken zufallen, die Bio-Methan verfeuern, und man könnte mehr und mehr auf den Einsatz herkömmlicher Kraftwerke zu Regelungszwecken und evt. auch für die Grundlast verzichten.

Bio-Gas zur Stromerzeugung

In welchem Umfang der Ausbau dieser Technik erforderlich wäre, ergibt sich durch die nachfolgende Überlegung. Die heute installierte Leistung von Windenergieanlagen beträgt in der Summe etwa 30 GW. Davon sind nur 6% als gesichert zu werten, so dass für eine (hochverfügbare) Leistung von 30 GW zusätzlich ca. 29 GW an bereitstehender anderer Kraftwerkskapazität erforderlich sind, in diesem Beispiel Gaskraftwerke, die mit Bio-Methan betrieben werden. Das entspricht etwa 60 modernen GuD-Kraftwerken (Gas und Dampf) zu je 500 MW. Da die Windenergieanlagen zu ca. 20% der Zeit im Jahr ihre Nennleistung erbringen, müssen die GuD-Kraftwerke 80% der Jahresarbeit erbringen. Übers Jahr gehen damit ca. 53 TWh auf das Konto der Windräder, ca. 210 TWh würden die Bio-Gas-GuD-Kraftwerke liefern.

Dafür werden ca. 4 Milliarden cbm Bio-Methan pro Jahr benötigt. Die Bundesregierung peilt für 2020 mit einem Produktionsziel von 6 Milliarden cbm auch in der Tat in etwa diese Menge an. Nach Angaben der Deutschen Energie-Agentur muss die für die Produktion von Bio-Methan in dieser Menge erforderliche Anlagenkapazität für ca. 12 Milliarden Euro komplett neu errichtet oder umgebaut werden. Die dena rechnet bis zum Jahr 2022 mit jährlich 100-200 neuen Anlagen.

Reife Weizenähren (Bild: H.-J. Sydow; Quelle: Wikipedia; Rechte: gemeinfrei; Original: siehe  Link

Für den Betrieb im geplanten Umfang sind Feldfrüchte in einer Menge erforderlich, deren Bereitstellung einer Anbaufläche von 1,2 Millionen ha bedarf, das wäre mehr als ein Drittel der heutigen Weizenanbaufläche in Deutschland.

Wunderwaffe oder nicht? Um bis zum Jahr 2022 Erdgas aus Russland in relevanten Mengen durch Biogas zu ersetzen, müssten unter höchstem politischen Druck massenweise Industrieanlagen errichtet und landwirtschaftliche Flächen requiriert werden. Wie immer, wenn man sich mit „Erneuerbaren“ beschäftigt, kommt man zum Schluss, dass das ganze technisch zum Funktionieren gebracht werden kann, das Ergebnis aber höchst fragwürdig und in diesem Fall flächenintesiv (Millionen Hektar), personalintensiv (bei 1,2 Millionen ha ca. 6 Millionen Arbeitsstunden pro Jahr [Uni Halle] allein in der Landwirtschaft) und auch kapitalintensiv ist (je 1.000 MW gesicherter Leistung 400 WAA und 4 Biogas-Kraftwerke).

Bio-Sprit

Beim Einsatz der Biomasse als Ersatz für PKW-Treibstoff (Otto-Kraftstoff), kann man sich die Ergiebigkeit am besten so veranschaulichen:

  1. Selbst um das wenige Öl, das in Deutschland selbst gefördert wird, durch Weizen und Weizenstroh zu ersetzen, müsste ein Viertel der heutigen Anbaufläche für Weizen für die Bio-Ethanol-Produktion eingesetzt werden.
  2. Wird die Biomasse in Ethanol umgewandelt zur Nutzung als PKW-Kraftstoff, so werden pro Hektar ca. 2.500 Liter erzielt oder 1.650 Liter Ottokraftstoffäquivalent. Damit kommt ein PKW (7 l/100 km) 25.000 km weit. Ein Hektar genügt also für zwei durchschnittliche PKW. Für die ca. 30 Mio PKW in Deutschland würden etwa 15 Mio Hektar benötigt. Dies ist wiederum die komplette landwirtschaftlich genutzte Fläche in Deutschland.
  3. Der Selbstversorgungsgrad an Feldfrüchten als Lebensmittel lag in Deutschland zuletzt bei ca. 99%. Jedes bisschen an errungener Unabhängigkeit von Energieimporten erkaufen wir uns durch die Preisgabe an Unabhängigkeit bei der Ernährung.

Was bleibt ist, eine Technik, die ihre Rolle im Markt hat – oder hätte, wenn man den Markt nicht per Subventionierung (Einspeisevergütung für Biomassestrom) oder anderen Vorgaben (etwa der Kraftstoffquote für E10-Benzin mit erhöhtem Anteil an Bio-Ethanol) verzerren würde. Um bei der Analogie zu bleiben: setzte man diese Wunderwaffe in der Breite ein, brächte sie enorme Kolateralschäden mit sich.

Energie speichern in Norwegen

Der Tyin-See in Norwegen (Bild: Tore Urnes aus Oslo, Norwegen; Quelle: Wikipedia; Rechte: CC-Lizenz; Original: siehe Link)

Verzehnfachte man die installierte Basis an Windenergie- und Photovoltaikanlagen von 2011, so könnte man dadurch den gesamten Stromverbrauch mit Sonne und Wind abdecken. Man müsste nur das Problem der Speicherung lösen. Abgesehen davon, dass die erste Voraussetzung nicht per se erstrebenswert ist, handelt es sich bei der zweiten um den Wunsch nach einer Wunderwaffe.

Wie bereits früher geschrieben, sind in Deutschland die Kapazitäten für weitere Speicherseen rar. Daher wird gelegentlich das Musterland für Stromerzeugung mittels Wasserkraft, Norwegen, für Planspiele herangezogen. In der Tat verfügt Norwegen durch die vielen Speicherseen über enormes Potential. Bei vollen Speichern beträgt dies 84 TWh, wie die vdi-Nachrichten berichteten. Das sei den Norwegern gegönnt. Wer nun die Seen heranziehen möchte, um darin deutschen Windstrom zu speichern, muss einiges beachten:

  • Die meisten norwegischen Speicherseen sind keine Pumpspeicherkraftwerke – sie müssten zunächst entsprechend aufgerüstet werden, was nur möglich ist, wenn es einen natürlichen Unter- und Obersee gibt.
  • Der Strom kann heute nicht in relevanten Mengen nach Norwegen und zurück transportiert werden. Es wäre ein beträchtlicher Leitungsausbau erforderlich. Die Kostenschätzungen dafür liegen bei 60 Milliarden Euro (siehe Quelle oben, vdi-Nachrichten).
  • Die Leitungsverluste beim Transport von und nach Norwegen lägen bereits bei ca. 15%, Leitungsverluste zwischen der norwegischen Küste und den jeweiligen Seen sowie zwischen den Windparks in Deutschland und der Küste kämen hinzu und dürften nicht weniger als 10% betragen. Zusammen mit den Verlusten beim Umpumpen von ca. 20-25% ergibt sich ein Verlust von nahezu 50%.
  • Sollten tatsächlich Speicherkapazitäten in Norwegen bereitgestellt werden, so wären diese gleichermaßen für Betreiber von Kernkraftwerken interessant. Mit diesen müssten die „regenerativ“ betriebenen Kraftwerke um die Kapazitäten konkurrieren.

Wenn der politische Wille da ist, kann man vielleicht damit rechnen, dass innerhalb von 10 bis 20 Jahren elektrische Energie aus Deutschland in in Norwegen gespeichert werden kann. Wegen der Einflüsse auf die Umwelt (in Norwegen) und die Investitionen für den Leitungsausbau, ist kaum früher damit zu rechnen. Auch sind in diesem Zeitraum keine außergewöhnlich großen Speicherkapazitäten realistisch. Also: eine klassische Wunderwaffe – sie kommt zu spät und ist zu schwach.

Speichern mit Druckluft

Modell des kombinierten Druckluftspeicher- und Gasturbinenkraftwerks Huntorf (Bild: Gero Vögel; Quelle: Wikipedia; Rechte: Gemeinfrei; Original: siehe Link)

Unter den „Stromspeichern“ erscheinen gelegentlich Druckluftspeicher und Lageenergiespeicher als Wunderwaffen. Mit dem Druckluftspeicher möchte man sich von den geologischen Gegebenheiten unabhängig machen, die beim Bau von Pumpspeicherkraftwerken Voraussetzung sind. Da für den eigentlichen Luftspeicher gerne Salzstöcke eingesetzt werden, ist aber auch diese Technik von Standortfaktoren abhängig. Die existierenden Systeme arbeiten gewöhnlich in Kombination mit Gasturbinen und sind daher nicht als reine Speicherkraftwerke zu betrachten. Diese Kombination ist naheliegend, da beim Verdichten der Luft viel Wärme entsteht, welche zumeist abgeführt wird. Beim Entspannen kühlen sich Luft und Turbine ab, was deren Betrieb wegen der Vereisung unmöglich macht. Das Erdgas gleicht diesen Wärmeverlust bei der Verbrennung wieder aus und führt zu Wirkungsgraden um die 50%.

Ein adiabatisches Druckluftspeicherkraftwerk, bei dem die Wärme beim Verdichten gespeichert und bei der Entspannung wieder zurückgeführt wird, soll im Rahmen des Projekts ADELE von RWE errichtet werden. Mit einem Wirkungsgrad von 70%, einer Leistung von 90 MW und einer Speicherkapazität von 360 MWh bleibt es als Pilotanlage hinter den Wasserspeichern zurück. Perspektivisch sollen Systeme dieser Art 300 MW leisten und 1.000 MWh speichern, das entspräche den kleineren Pumpspeicherkraftwerken. RWE spricht an mehreren Stellen von „technischen Herausforderungen“. Die Pilotanlage soll 2016 in Betrieb gehen.

Auch diese Technik steht damit weder kurzfristig noch in nennenswertem Ausmaß zur Verfügung und kann nicht als gegeben in die aktuellen Planungen einbezogen werden.

Lageenergiespeicher – Berge versetzen?

Noch vollständig hypothetisch sind hydraulische Lageenergiespeicher. Die Idee besagt, dass ganze Felsmassive aus dem umgebenden Gebirge gelöst werden sollen. Mit Hilfe einer Art Hebebühne soll die Lage des Felsen vertikal verändert werden, so dass beim Anheben Energie in das System gesteckt wird und beim Ablassen wieder herausgelassen wird. Der Erfinder selbst nennt als Beispielwert Felszylinder mit 1 km Durchmesser und 500 m Höhe und mehr. Das entspricht mehreren Milliarden Tonnen. So sollen 2.000 GWh gespeichert werden können, also ebensoviel, wie in einigen 100 Speicherseen. Es gibt weder ein Demonstrationsmodell noch irgendwelche Hinweise auf die wohlwollende Aufnahme der Idee in Forschung und Technik.

Wind zu Gas

Die technisch interessante Möglichkeit, überschüssige Energie zur Wasserstoffherstellung durch Elektrolyse von Wasser zu nutzen und den Wasserstoff durch Reaktion mit CO2 zum leicht zu handhabenden Methan umzuwandeln, wurde im ersten Teil der Reihe bereits vorgestellt Unter den Wunderwaffen hat diese Technik den Vorteil, keine ungewöhnlichen Entwicklungssprünge mehr vorauszusetzen. Auch sind keine ungewöhnlichen Industriebauten oder flächenintensiven Stauseen erforderlich, so dass sich Proteste und andere Bauhindernisse im Rahmen halten dürften. Die Zeitskala für die großtechnische Nutzung, ist allerdings noch unklar. Soeben wurde erst ein Projekt zur Entwicklung einer Forschungsanlage mit 25 kW Leistung gestartet. Ob es bis 2022, dem Jahr, in dem das letzte deutsche Kernkraftwerk vom Netz gehen soll, langt, ist nicht vorherzusagen.

Wirkungsgradreserven der Fossilen

Auch von der Effizienzsteigerung herkömmlicher Kraftwerke verspricht man sich Wunderdinge. So hatte e.on ein Steinkohlekraftwerk geplant, das mit einem Wirkungsgrad von 50% weit über dem heutigen Durchschnitt von 43% liegen sollte. Leider musste man einsehen, dass die dazu erforderlichen Werkstoffe doch nicht in absehbarer Zeit verfügbar sein würden und blies das Projekt ab.

Das Umweltbundesamt ist jedoch optimistischer als die Praktiker aus der Industrie und rechnet mit einer Steigerung des Wirkungsgrads um weitere 8% auf mehr als 50% in den nächsten 15 Jahren.

Kernkraftwerke der nächsten Generation

Auch der Kernenergie werden Entwicklungsschritte prophezeit, die dazu geeignet wären, viele Kritikpunkte aus der Welt zu schaffen. Die heute weltweit eingesetzten Kraftwerke der zweiten Generation beruhen auf Grundkonzepten aus den 50er- und 60er Jahren. Diese wurden freilich zum Beispiel durch ausgeweiteten Brandschutz, Diversifizierung der Notstromversorgung und Simulatorausbildung verbessert.

Schema des Core Catchers, der im Falle der Kernschmelze die Katastrophe zu verhindern hilft (Bild: Areva NP; Quelle: Wikipedia; Rechte: gemeinfrei; Original: siehe Link)

Die neuen Kraftwerke der dritten Generation sollen nun inhärent sicher sein (VDI-Bericht von 2003). Anstatt nur die Systeme weiter mehrfach redundant auszulegen und zu härten, lautet die Vorgabe, dass auch bei Ausfall von Komponenten und Versagen jeder Redundanz keine radioaktiven Stoffe – oder nur geringste Mengen – nach außen treten dürfen. Bei komplettem Ausfall der Kühlung, wie er in Fukushima Daiichi eintrat, muss die Wärmeabfuhr gewährleistet bleiben, so dass es nicht zur Kernschmelze kommt oder der geschmolzene Kern innerhalb des Containments verbleibt. Solche Kraftwerke sind marktreif und bereits im Bau, also heute verfügbar.

Das stellt sicherlich eine bedeutende Erhöhung des Sicherheitsniveaus dar. Doch ab wann würde sich dies auswirken? Da ein Großteil der deutschen Kernkraftwerke aus den 80er Jahren stammt und solche Anlagen aus wirtschaftlicher Sicht möglichst mindestens 40 Jahre laufen sollen (eher 50), muss man entweder noch 20 Jahre auf den Nutzen dieser Wunderwaffe warten oder aber die bestehenden Kernkraftwerke verlustreich vorzeitig abschalten und abschreiben. Was das die Allgemeinheit kosten könnte, lässt sich analog zur aktuellen Forderung der Kraftwerksbetreiber beziffern. Diese würden sich aktuell mit 15 Milliarden Euro zufrieden geben.

ASTRID, ALFRED und ALLEGRO – die vierte Generation

Während die Kraftwerke der dritten Generation bereits Realität sind, wird die vierte erst diskutiert. Umso weitreichender sind die Möglichkeiten, die man ihnen in dieser Phase der Entwicklung nachsagt. Ganz grob geht es um drei Errungenschaften:

  • inhärente Sicherheit entsprechend den Kraftwerken der dritten Generation
  • erheblich höhere Energieausbeute durch Verwertung von U238
  • erhebliche Reduktion der radioaktiven Rückstände

Die Technik läuft auf eine Weiterentwicklung der in vielen Ländern bereits bekannten Technik der Reaktoren mit schnellen Neutronen hinaus („Schneller Brüter“). Ein Konsortium aus über 100 europäischen Industrieunternehmen und öffentlichen Forschungseinrichtungen hat sich unter dem Namen SNTP (Sustainable Nuclear Technology Platform) zusammengefunden, um die Aktivitäten zu bündeln. Ein Demonstrationsmodell unter dem Namen MYRRHA wird bis 2023 angestrebt. Bis zu diesem Termin sollen auch Konstruktionspläne und Baugenehmigungen für ein Demonstrationsmodell für einen Reaktor mit Blei als Kühlmittel vorliegen (Lead Fast Reactor, LFR). Dieser trägt den Namen ALFRED. Alternative Designpfade mit Natrium und Helium als Kühlmittel werden zeitgleich verfolgt. Der Demonstrator für die Natriumkühlung wurde ASTRID genannt, das Heliummodell heißt ALLEGRO.

Alles in allem peilt selbst SNTP erst für das Jahr 2030 Konstruktionspläne für ein erstes vollproduktives Kraftwerk der vierten Generation an. Der industrielle Einsatz könnte dann ab ca. 2050 erfolgen.

Vom gelegentlich kolportierten Laufwellenreaktor liest man dort nichts. Letzterer könnte nach einmaliger Befüllung mit Brennstoff für mehr als 100 Jahre betrieben werden, wenn man den Visionären ihre Visionen abnimmt.

Transmutation – Die Atommüllverbrennungsanlage?

Sorgen wegen der Endlagerung – bald kein Thema mehr? (Bild: Christian Fischer; Quelle: Wikipedia; Rechte: gemeinfrei; Original: siehe Link)

Obwohl es dabei weniger um die Erzeugung elektrischer Energie geht, lässt sich die Transmutationstechnik ebenfalls zu diesem Typ (vierte Generation) rechnen. Ziel ist es hier, bereits angefallene Rückstände („abgebrannte Kernbrennstäbe“) weiter zu verarbeiten und die darin enthaltenen Stoffe mit besonders hoher Halbwertzeit in kürzer strahlende Substanzen umzuwandeln. Umwandeln – transmutieren – ist hierbei durchaus wörtlich zu verstehen, denn die Elemente werden in andere verwandelt, ähnlich wie einst Blei in Gold gewandelt werden sollte.

Im Labormaßstab wurde dies bereits umgesetzt. Das oben erwähnte Demonstrationsmodell MYRRHA dient neben der Pilotierung des Bleikühlungskonzepts auch dem Machbarkeitsnachweis für den großtechnischen Einsatz der Transmutationstechnik. Man rechnet damit, denjenigen Anteil der nuklearen Abfälle, die endgelagert werden müssen, auf weniger als 5% der heute anfallenden Mengen zu reduzieren. Außerdem genügt für diese Abfälle eine Lagerzeit von „ein paar Jahrhunderten“ anstelle Zehntausenden von Jahren. Bis es so weit sein könnte, werden mindestens 20 Jahre vergehen.

Kernfusion, heiß und kalt

Wenn es eine Technik gibt, die als Musterbeispiel für eine Wunderwaffe dienen kann, dann ist es die Kernfusion. Seit mindestens 50 Jahren wird angekündigt, dass Kernfusion in spätestens 50 Jahren zur Stromerzeugung bereitstehen wird. Mit Wasserstoff als Rohstoff und Helium als Reaktionsprodukt trägt sie die Verheißung inne, als unendlich verfügbare, mit geringen Abstrichen saubere und ungefährliche Energiequelle zu dienen. Eines der aussichtsreichsten Experimente soll nun um 2014 beginnen. Die Anlage mit dem Namen Wendelstein 7-X soll zeigen, dass ein 100 Millionen Grad heißes Plasma gehandhabt werden und auf dieser Basis Kraftwerke gebaut werden können.

Das Parallelprojekt ITER vertritt ganz grob gesagt das gleiche Ziel. Dort plant man, bis 2019 den Testbetrieb aufzunehmen und nennt als Termin, zu dem Fusionskraftwerke Strom in das Netz einspeisen können, das Jahr 2040.

Und was ist mit der Kalten Fusion? Die hat sich umbenannt und heißt heute Low Energy Nuclear Reaction (LENR). Doch auch unter diesem Namen hat sie es nicht geschafft, die seriöse Forschung zu etwas anderem als distanziertem Schweigen hinzureißen. Ganz kurz noch einmal, worum es geht: Wasserstoff wird in Vorrichtungen eingeleitet, die Bleche aus bestimmten Materialien enthalten, vornehmlich Nickel oder Palladium. Dabei soll dann eine Kernreaktion stattfinden, bei der die eingesetzten Metalle als Katalysatoren wirken oder selbst an der Reaktion teilnehmen.

Mysteriöse Geheimschmieden

Nach dem Fiasko im Anschluss an die von Fleischmann und Pons 1989 beschriebenen Experimente, sind die heutigen Protagonisten dazu übergegangen, lieber gar nichts zu veröffentlichen. Einer der Hauptakteure ist ein Italienischer Ingenieur namens Rossi, der mit einem Produkt names E-cat Wärme für die Nutzung im Eigenheim erzeugen möchte.

CERN und andere renommierte Institute halten sich bedeckt. Joe Zawodny, ein Forscher der NASA, hatte in einem Interview über denkbare LENR-Szenarien gesprochen. Dies wurde von den Fans der LENR als Beweis gewertet, dass nun auch die etablierte Wissenschaft die kalte Fusion nicht mehr leugnen könne. Zawodny hat eilig ein Dementi veröffentlicht, in dem er darauf hinweist, dass man ihm noch keine Demonstration eines funktionierenden LENR-Apparats zeigen konnte.

Wenn wir schon bei Verschwörungstheorien sind, dann darf der Autor selbst noch eine Merkwürdigkeit anfügen: in den Achtzigern begann der talentierte Physikstudent C. J. (Name bekannt und nicht identisch mit einem der hier veröffentlichenden Autoren) darüber zu fabulieren, dass die elektrische Feldstärke in bestimmten Metallverbindungen (Komplexe) hoch genug sein müsste, um Fusionsreaktionen herbeizuführen. Nach mehreren Gesprächen mit dem Institutsdirektor und einem Nervenzusammenbruch wurde er erheblich ruhiger und sprach nie wieder über seine Theorien. Das war – wohlgemerkt – einige Jahre vor der Erstveröffentlichung der kalten Fusion.

Blick in die Glaskugel

Von ein paar Ausnahmen abgesehen, haben wir Techniken vorgefunden, mit denen in einem seriös beschriebenen Zeitrahmen seriös bezifferbare Resultate erzielt werden können. Bis zum Stichtag der Energiewende, dem Jahr 2022, kann jedoch keine davon ausreichend Leistung oder Speicherkapazität bereitstellen, um ohne den Weiterbetrieb und den Neubau konventioneller Kraftwerke die zwar leistungsfähigen aber wetterfühligen Windenergie- und Photovoltaikanlagen zur sicheren Stromversorgung nutzen zu können.

Der Autor erwartet am ehesten von der Wasserstoff- bzw. Methan-Erzeugung aus überschüssigem Wind- und Solarstrom sowie von Kernkraftwerken der dritten Generation nennenswerte Impulse, je nachdem, ob auf längere Sicht die Furcht vor Kernenergie und Fortschritt oder die Abneigung gegen in Industrieparks verwandelte Natur- und Kulturlandschaften die Oberhand gewinnen.

Zum Ende des Jahrzehnts wird der Bundeskanzler, ob er nun Angela Merkel, Kristina Schröder oder Jürgen Trittin heißen wird, die Konsequenzen aus dem Ausbleiben der Wunderwaffe ziehen und den Weiterbetrieb deutscher Kernkraftwerke als alternativlos bezeichnen.

Teil der Serie: Grundkurs Energiewende,   Grundkurs Energiewende (2)

Artikelbild: Die Lager einer  Lichtmühle (Bild: Armin Kübelbeck; Quelle: Wikipedia; Rechte: CC-Lizenz; Original: Siehe Link)

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Thomas Frieling

Für den Physiker ist klar: Demokratie ist keine exakte Wissenschaft, und Politik ist es ebensowenig. Tagesaktuelle Themen und solche, die immer wieder für Aufmerksamkeit sorgen, stellt er - in blu-News als der Blaue Doc - aus unüblichen Blickwinkeln dar, manchmal eher nüchtern, manchmal satirisch aber niemals nur aus Spaß.

(2) Readers Comments

  1. Geheimwaffen haben den Makel zu spät zu kommen oder sie sind so geheim das sie nicht ans Licht der Öffentlichkeit treten. So oder so wird von unserer Regierung durch das unbesonnnene Wegwerfen der in Jahrzehnten gewachsenen Energieinfrastruktur ohne eine brauchbare Alternative parat zu haben ein Grossteil unseres Volksvermögens vernichtet und Produktion und Fachkräfte zur Auswanderung oder in den Ruin getrieben!

  2. Das freiheitspolitisch Wichtigste:
    Energiequellen müssen frei von islamischem Einflusss sein!

    Nahost-Erdöl zu kaufen finanziert die Feinde der europäischen Kultur: Der Scheich von Katar will für das sog. Ziem spenden. Nicht nur iranisches Erdöl sollte boykottiert werden. Warum nur investieren tagtäglich Millionen Menschen ihr Geld in Verkehrsstaus und tragen damit zur Islamisierung bei?

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