Gesellschaft Innenpolitik News — 06 Juli 2012

Schüler unfähig zwischen Diktatur und Demokratie zu unterscheiden

Demokratie und Diktatur ist für viele Schüler nicht zu unterscheiden

Bundesweite Studie zeigt auf, dass deutsche Schüler völlige unzureichende Kenntnisse haben, um zwischen Demokratie und Diktaturen unterscheiden zu können.

Das vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, den Bundesländern Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie dem Forschungsverbund SED-Staat finanzierte Projekt, mit dem bedeutungsschwangeren Namen „Kenntnisse, Bilder, Deutungen – das zeitgeschichtliche Bewusstsein Jugendlicher in Deutschland“, die das Geschichtsbild und das zeitgeschichtliche Bewusstsein von Schülern untersuchte,  förderte Erschreckendes zu Tage.

Bundesweit wurden 7.500 Schüler von Abschlussklassen aller Regel-Schultypen zum Thema Diktatur und Demokratie befragt. Der Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin veröffentlichte im Juni 2012 dazu die Ergebnisse der Studie mit dem Titel „Später Sieg der Diktaturen?- Zeitgeschichtliche Kenntnisse und Urteile von Jugendlichen“ am Beispiel des Nationalsozialismus, der DDR sowie der Bundesrepublik vor und nach der Wiedervereinigung.

Schockierender Kenntnisstand

Ein hoher Anteil von Schülern konnte so gut wie keinen Unterschied zwischen Diktaturen und Demokratien benennen. Viele Jugendliche haben Probleme, zumindest die Trennlinien zwischen Demokratie und Diktatur zu erkennen. So gaben etwa 40 Prozent der befragten Schüler an, dass es ihrer Meinung nach Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit in allen vier Systemen, also dem Nationalsozialismus, der DDR sowie der Bundesrepublik vor und nach der Wiedervereinigung gab.

Noch auffälliger, um nicht zu sagen, erschreckender, sind die Ergebnisse für die Bundesrepublik vor und nach der Wiedervereinigung: Nur gut die Hälfte beziehungsweise lediglich drei Viertel der befragten Schüler gehen davon aus, dass die alte bzw. die neue Bundesrepublik durch demokratische Wahlen legitimiert ist.

Gedenkstättenhopping ist kontraproduktiv

Die Studie untersuchte weiter, ob das inflationäre Besuchen von Gedenkstätten auf den zeitgeschichtlichen Kenntnisstand von Jugendlichen einen Einfluss hat. Dabei stellten die Forscher keinen eindeutig positiven Effekt durch diese Besuche fest. Als Hauptgrund wurde die mangelnde Einordnung der in den Gedenkstätten angebotenen Informationen in große Zusammenhänge benannt.

NRW Schüler besonders schlecht

Nur gut ein Drittel der Wissensfragen konnten die Jugendlichen richtig beantworten (Nationalsozialismus: knapp 61% richtige Antworten). Die Kenntnisse über die DDR fallen mit knapp 45% ebenfalls unterdurchschnittlich aus, wobei vor allem die geringen Kenntnisse nordrheinwestfälischer Schüler den Durchschnitt senken.

Das schlechte Abschneiden der westdeutschen Schulstandorte resultiere insbesondere aus den schlechten Ergebnissen der Migrantenkinder, so die Studie auf Seite 3, da diese im Westen einen großen Teil der Schülerschaft stellen.

Bei der Studie schnitten die Schüler aus Thüringen und Sachsen-Anhalt am Besten ab, gefolgt von Bayern und Baden-Württemberg. Am unbedarftesten waren die Schüler aus Nordrhein-Westfalen. Berlin und Brandenburg, die bei der Vorgängeruntersuchung zum DDR-Wissen sehr schlecht abgeschnitten und nicht mehr erneut teilgenommen haben.

Fazit der Studie

Als Konsequenz der durchwegs schlechten Ergebnisse bei der Differenzierung und Benennung von Merkmalen einer Demokratie und einer Diktatur zieht das Gremium das Fazit, die Werteorientierung bzgl einer freiheitlichen Demokratie und deren Werte wie Freiheit, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und Pluralismus – den Schülern stärker nahe zu bringen.

Empfehlungen der Studie

Die Studie empfiehlt einen stärkeren öffentlichen Diskurs nicht nur schwerpunktmäßig über den Diktaturcharakter des Nationalsozialismus, sondern verstärkt auch über die Diktatur in der DDR öffentlich zu führen. Des Weiteren sollen Migrantenkinder stärker in den Schulunterricht eingebunden werden. Was sich die Forscher darunter genau vorstellen und welche fehlende Einbindung hier gesehen wird, ist in der Studie nicht näher erläutert. Gedänkstättenbesuche müßten durch Vor- und vor allem Nachbereitung eines solchen Besuchs intensiviert werden um einen Erkenntnisgewinn zu erreichen. (BS)

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