Im Münchner Museum für Völkerkunde lässt ein türkischer Verband den Genozid an den Armeniern leugnen

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Makraber Ort zur Leugnung eines Völkermordes: Das Völkerkundemuseum in München (Bild: Linos203; Quelle: Wikipedia; Rechte: siehe unten)

Wie das deutsch-türkische Magazin Ari berichtet, fand bereits im April diesen Jahres im Münchner Völkerkundemuseum eine Veranstaltung statt, bei der Prof. Dr. Norman Stone über den Genozid an den Armeniern in der Türkei sprach, oder diesen vielmehr leugnete. Veranstalter war die Union Europäisch Demokratischer Türken (UEDT).

Wie der Spiegel berichtet, ist die UEDT ein Lobby-Verein der AKP und äußerst eng mit der Migrantenpartei BIG verbunden. Die AKP ist die Partei des islamistischen türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdoğan.

Völkerkundemuseum erfuhr zu spät vom Völkermordleugner als Referent

Die UEDT bereitete nach Erkenntnissen des Hamburger Nachrichtenmagazins die umstrittene Rede Erdoğans im Jahr 2008 in Köln vor, in der der türkische Ministerpräsident in der Integrationsdebatte die Assimilation ein Verbrechen an der Menschlichkeit nannte. Als weniger verbrecherisch sehen Erdogan und seine AKP den Genozid an den Armeniern. Der Völkermord wird vielmehr aktiv geleugnet. Augenscheinlich, um die Staatspropaganda unter den in Deutschland wohnhaften Auslandstürken, die Erdoğan als Teil seiner Einflussphäre betrachtet, im Sinne der AKP zu verbreiten, wurde diese Veranstaltung anberaumt.

Gegenüber blu-News stellte eine Sprecherin des Völkerkundemuseums klar, dass es sich nicht um eine Veranstaltung des staatlichen Museums gehandelt habe. Vielmehr habe man an die UEDT – wie an viele andere Veranstalter auch – lediglich einen Saal für eine geschlossene Veranstaltung vermietet. Das würde man allerdings wohl nicht noch einmal tun. Wer als Referent auftrete, habe die UEDT gegenüber den Mitarbeitern des Museums auch erst offengelegt, als die Vermietung schon unter Dach und Fach gewesen sei. Zu einer Leugnung des Völkermords an den Armeniern durch staatliche türkische Stellen sei es nach Ansicht des Museums „nicht direkt“ gekommen.

Türkische und deutsche Realität

Zu dieser Einschätzung kann man auch mit sehr großer Nachsicht nur sehr schwer kommen. Allerdings auch nur, wenn man sich ausschließlich der deutschsprachigen Berichterstattung im Magazin Ari widmet. Danach war die Einschätzung der dem Türkischen wohl kaum mächtigen Mitarbeiter des staatlichen Völkerkundemuseums aufgrund der dortigen Darstellung noch einigermaßen nachvollziehbar. Jedoch war die eventuelle Textexegese wohl auch von dem Wunsch getragen, für eine nicht allzu verwerfliche Veranstaltung durch Vermietung behilflich gewesen zu sein.

Der deutsche Text im Magazin Ari lässt zwar schon tief blicken, wenn dort klar gestellt wird, dass Stone den Völkermord an den Armeniern wiederholt geleugnet hatte. Doch wurde zumindest Hans-Lukas Kieser erwähnt, der sich in der Weltwoche kritisch mit Stones Thesen zur Leugnung des Völkermords auseinandersetzte.

Im türkischsprachigen – und deutlich längeren – Text des Ari-Magazins wird Kieser allerdings mit keinem Wort erwähnt. Aber nicht nur das; auch wird darin bestritten, dass Hitler sich eindeutig auf den Genozid an den Armeniern bezog, als er in seiner zweiten Rede vor den Oberkommandierenden im August 1939 auf dem Obersalzberg fragte: „Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?“

Auftritt trotz armenischen Protestes

Doch Stone bestreitet nicht nur den Völkermord an den Armeniern, sondern – wohlgemerkt  nur im türkischen Text  - auch, dass dies Hitler gesagt haben soll. Stones sehr befremdliche Logik: Diese Aussage hätte es nicht in die Unterlagen der Ankläger in den Nürnberger Prozessen geschafft.

Neben dieser Art der Auseinandersetzung mit Hitler findet sich noch eine andere Aussage, die in der deutschen Version nicht zu finden ist. So teilt die UEDT mit, die Sicherheitsvorkehrungen für diese Veranstaltung in München seien aufgrund der „armenischen Lobby“ notwendig geworden. So konnte an dieser Veranstaltung nach Darstellung des Völkerkundemuseums nur teilnehmen, wer eine Einladung vorweisen konnte. Tatsächlich hatten armenische Organisationen gegen den Auftritt Stones im staatlichen Völkerkundemuseum protestiert.

Zum Abschluss machte sich Stone noch über den Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk her. Dieser sah sich 2005 wegen seiner Äußerungen zum Genozid an den Armeniern in der Türkei einer Anklage gegenüber, die später allerdings fallen gelassen wurde. Pamuks Bücher wurden bei Protesten von wütenden Leugnern des Genozids an den Armeniern verbrannt. Zu Pamuk fiel Stone nun ein, dass dieser sich wohl selbst nicht mehr ernst nehme.

Es wird Stones Geheimnis bleiben, wie er zu dieser Einschätzung kommt. Allerdings kann man Pamuks Literatur und seine Äußerungen in Türkisch und Deutsch lesen ohne sich derer schämen oder zwei verschiedene Versionen anfertigen zu müssen. (CJ)

Artikelbild: Makraber Ort zur Leugnung eines Völkermordes: Das Völkerkundemuseum in München (Bild: Linos203; Quelle: Wikipedia; Rechte: siehe Link)

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(6) Readers Comments

  1. Sauber recherchiert!

  2. Sehr befremdlich, wie sich die türkischen Gäste in unserem Land benehmen. Danke für diesen interessanten und gut recherchierten Artikel !

  3. Sehr perfide: Im Völkerkundemuseum einen Völkermord leugnen- unter der Schirmherrschaft des verlängerten Arms der BIG Partei und alles schön umringt und beworben von einer durch staatliche Gelder zwangsfinanziertem deutsch-türkischen Migrationsmagazin. Langsam aber sicher wandelt sich mein Unverständnis in Agression.

  4. Sonst stören bereits geschlossene Mietverträge doch auch nicht weiter, wenn es um (tatsächlich oder vermeintlich) verwerfliche Ansichten des Mieters oder Referenten geht… oder entgeht mir da gerade ein Unterschied zwischen (m.E. widerlichen) Holocaust-Leugnern und (m.E. widerlichen) Armenozid-Leugnern?

  5. Stimmt natürlich und ist auch auffällig. Aus irgend einem Grund ist es aber wohl etwas anderes, wenn der vermeintliche oder tatsächliche Rechtsradikale Ausländer ist.

  6. Das ist dann vielleicht auch die Ursache für das gemeinsame Marschieren von AntiFa und Grauen Wölfen, wenn es gratismutig gegen “rechts” geht, oder? :-)

    Irrsinn als erste Bürgerpflicht.

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