Titelstory: Ein Nachmittag in Dresden kann so erleuchtend sein

blu-News

Blick auf die Dresdner Altstadt (Bild: blu)

Die Frank-Furter Schnauze verbrachte einen Nachmittag in Dresden, der außerordentlich erleuchtend war. Ein Erlebnisbericht.

Es war an einem Donnerstag Mitte Mai, dem bis dato vielleicht wärmsten Tag im Jahr. Die Arbeit hatte mich tief in den Osten der Republik verschlagen. Nicht zum ersten, und sicher auch nicht zum letzten Mal.

Donnerstagmittag. Das Essen war so lala. Was will man vom Essen in einem Flughafen-Restaurant schon erwarten? Vor allem, wenn es das einzige Restaurant weit und breit ist. Zumindest das einzige in diesem Gebäude, das aus Frank-Furter Sicht den Namen Flughafen gar nicht verdient hat. Flughäfchen wäre angebrachter.

Und nun? Die Geschäftsfreunde gerade gen Gate verabschiedet, der eigene Flug erst abends um Acht. Die Zeit bis dahin unerwartet frei. Wie wäre es mit einem Radeberger an der Elbe? Frisch gezapft, mit Blick auf die wunderschöne Dresdner Altstadt? Die kenne ich schon. Dort war ich bereits häufiger. Doch genau deswegen weiß ich: Eine Reise nach Dresden lohnt sich immer. Auch wenn es gefühlt das drölfte Mal ist.

Eine erfrischend rechtspopulistische Debatte

Ich stehe am Taxistand und sehe lauter Skodas. Gut, da stecken Volkswagen drin. Aber wenn man schon 20 Euro fürs Gefahrenwerden ausgibt, sollte es bitteschön die obligatorische E-Klasse sein. Mit anderen Worten: Zeit für eine Zigarette.

Es kommt eine E-Klasse. Und ehe ich mir überlegt habe, ob es sich lohnt, deswegen die halbe Zigarette wegzuschmeißen, sitzt wer anders drin. Als die Zigarette zu Ende geraucht ist, steht dort ein VW-Passat. „Wenigstens ein echter Volkswagen“, denke ich mir. Also dann, den nehm’wa.

Der Taxifahrer ist um die 50, eingeborener Sachse. Man hört das an den vielen „ö“ und „ü“-Lauten, mit denen dieses Völkchen meint, die deutsche Sprache verschandeln zu müssen. „Akzeptieren Sie Kreditkarte?“ – „Nooa, ab fünfzähn Öro“. OK, das passt.

Ein deutscher Taxifahrer, denke ich. So was habe ich in Frankfurt seit Jahren nicht mehr erlebt. Und rückwirkend fällt mir auf, dass fast alle Taxifahrer, die ich am Flughäfchen Dresden gesehen habe, deutsch gewesen sein müssten. Zumindest nicht, ähm… südländisch, oder so.

Zeit für den obligatorischen Smalltalk. Wir reden über den wirtschaftlichen Aufschwung in Dresden, über die schöne Innenstadt, über die neue Brücke „am Osch dä Wält“, wegen der die Altstadt ihren Status als Weltkulturerbe verlieren soll. Wie groß denn Dresden sei, frage ich (obwohl ich die Antwort kenne). „Sö üm die Fünhündätswonsischdäusend“. „So viele?“, frage ich nach. „Waren es nicht mal unter 500.000?“ Ja, sagt der Taxifahrer. Doch seit einiger Zeit ginge es spürbar aufwärts. Und außerdem seien die letzten Jahre sehr fruchtbar gewesen. Er wisse nicht, warum. Aber die Dresdner seien in Sachen Nachwuchs derzeit außerordentlich fleißig.

Endlich. Eine Steilvorlage. Die Zeit ist gekommen, dem guten Mann ideologisch auf den Zahn zu fühlen. „So?“ – frage ich. „Sind das denn echte Dresdner, die so fleißig Nachwuchs bekommen? Oder nicht eher…“ – „Nooaa…. nööööh“, unterbricht mehr der Mann, der offenbar zur redseligen Sorte gehört. Das seien schon alles echte Dresdner. Einwanderer gäbe es hier zwar auch, aber in Maßen, und das mit „Mültikülti“ sei doch sowieso alles Mist. Dieser „Sorrozün“ hätte doch völlig recht gehabt. „Schode, dass där nüsch wiedo in die Pölütik gegong is“. Und ohnehin: „Egool, wen man wählt, da ändot sisch do söö öder söö nüschts“. Das Eis ist gebrochen. Es folgt eine erfrischend rechtspopulistische Debatte über Einwanderung, Sozialstaat, Rechte und Linke, die erst mit der Fahrt über eine Elbbrücke vom fantastischen Anblick der Dresdner Altstadt unterbrochen wird.

Wir sind da. Angekommen vor der Semperoper. Ich frage den Taxifahrer nach seiner Visitenkarte. Der Mann hat sich eine zweite Fahrt verdient. Und ich mir eine zweite Unterhaltung mit ihm.

Willkommen in der Krise des Kapitalismus

blu-News

Immer wieder ein Traum: Die Dresdner Altstadt, von der Agustusbrücke aus gesehen; rechts: Die Schlosskirche (Bild: blu)

Dresden. Immer wieder ein Traum. Und politisch gleich in mehrerlei Hinsicht hochinteressant. Es rattert in meinem Kopf. Immer wieder erstaunlich. Hier sind wirklich keine Kopftücher. Krass, denke ich. „Armes Dresden, hat in Sachen Mültikülti echt noch Nachholbedarf“, flüstere ich voller Ironie zu mir selbst. Und kann mir das Kichern kaum verkneifen.

blu-News

Die Semperoper (Bild: blu)

Semperoper. Klick, klick. Zwinger. Klick, klick. Schlosskirche. Klick, klick. Komisch, denke ich. Wieso hat man sich dieses ständige Photo-machen angewöhnt? Bekommt man mit einer Google-Bildsuche nicht sowieso viel schönere Bilder? Und außerdem: Ich war doch schon hier. Und ich habe schon Bilder von Dresden. Sogar welche, auf denen ich zu sehen bin. Doch dieses Mal bin ich alleine. Ob ich jemandem hier mein iPhone in die Hand drücken kann, damit er ein Bild von mir macht? Eigentlich schon.

Eine Folge von Dresdens moralisch höchst verwerflichem Gebaren, sich der bewussten Überfremdung, in Frankfurt „Vielfalt“ genannt, zu verweigern, ist, dass es rund um die Altstadt außerordentlich friedlich, ja beinahe idyllisch zugeht. Auf der Frankfurter Zeil packe ich mittlerweile instinktiv mein Portemonnaie in die Jackett-Innentasche, wie man es früher in Mailand oder Florenz zu tun pflegte, wo einen die Zigeuner (darf man das Wort noch sagen?) schon am Bahnhof in Empfang nahmen. Hier, in Dresden, denke ich ernsthaft darüber nach, irgendwem Wildfremdes mein nagelneues iPhone in die Hand zu drücken, um ein Photo von mir zu machen. Schon komisch, oder? Schöne alte Welt!

Apropos: Alte Welt. Dresden ist vor allem eine Stadt der Renaissance und des Barrock. Hier tobten sich im 17. und 18. Jahrhundert die sächsischen Fürsten aus. Eine architektonische Vielfalt wie beispielsweise in Prag, wo sich bedeutende Monumente eines Jahrtausends finden, sucht man in Dresden vergeblich. Aber das, was es hat, das, was diese zwei Jahrhunderte der Pracht und des Prunks, des Strebens nach Größe und Weltruhm, hinterlassen haben, ist in fantastischem Zustand. Zumindest heute.

Wie sich Dresden gemacht hat, ist atemberaubend. Die Altstadt ist sicherlich eine der schönsten, wenn nicht gar die schönste in Deutschland. Im Grunde widerlegt Dresden alleine damit den ganzen politischen Irrsinn, den das linke Lager hierzulande im Nachlauf der Finanzkrise pausenlos verzapft. Von wegen „Krise des Kapitalismus“… Ohne die Probleme dieser Zeit beschönigen zu wollen, aber: Wenn das eine Krise ist, wie muss sich dann nur ein Boom anfühlen?

Besonders beeindruckend ist ein Besuch in Dresden, wenn man noch in Erinnerung hat, wie diese jahrzehntelang geschundene Stadt in den Jahren nach der Wende aussah. Damals, ein halbes Jahrhundert nach dem Krieg, wirkte es fast so, als hätten die britischen Bomber erst tags zuvor ihren letzten Angriff geflogen. Die Altstadt eine Ruine. Die Frauenkirche ein Trümmerberg. Die Bebauung rund herum ein trostloses, graues, urbanes Verbrechen. Die Stadt ein Schatten ihrer selbst. Die Menschen verschlossen, deprimiert, bisweilen sogar stoisch aggressiv.

blu-News

Dresden zu DDR-Zeiten: Eine Ruine (Bild: Hajotthu; Quelle: Wikipedia; Rechte: Siehe unten)

Und heute? Dresden und die Dresdener erleben eine neue Blüte, machen dem Namen Elbflorenz wieder alle Ehre, verkaufen stolz ihre hausgemachten Leckereien, zeigen Besuchern ihre Perle von einer Stadt. Willkommen in der Krise des Kapitalismus!

Es sind Gedanken wie diese, die mich umtreiben, als ich – wie schon so oft – den Weg vom Zwinger Richtung Frauenkirche einschlage. Auch die habe ich schon gesehen, seit der Wiederaufbau abgeschlossen ist. Allerdings nur von außen – noch nie von innen. Warum auch? „Ich bin ja Agnostiker“, denke ich mir. Und besinne mich meines eigentlichen Zieles: Ein frisch gezapftes Radeberger mit Blick auf die Altstadt.

Nachtigall, ich hör dir trapsen!“

Den schönsten Blick hat man vom anderen Elbufer aus. Also ändere ich meinen Kurs, gehe über die Augustusbrücke und erfreue mich das Anblicks, der mit zunehmender Distanz immer imposanter wird. Auf der anderen Seite angekommen eröffnet sich mir ein wahres Paradies: Ein herrlicher Biergarten direkt an der Elbe, und freilich hat es hier frisch gezapftes Radeberger. „Schon komisch“, denke ich. „Da komme ich aus Frankfurt nach Dresden und will hier unbedingt ein Radeberger an der Elbe trinken. Wahrscheinlich, weil man die Radeberger-Werbung mit der Semperoper aus dem Fernsehen kennt. Dabei hat sich die Zentrale der Radeberger-Gruppe doch schon vor Jahren in Frankfurt niedergelassen…“ Zumindest würde das Radeberger Bier noch in Radeberg bei Dresden gebraut, versichert mir der Mann am Tresen. Sein Wort in Gottes Ohr!

blu-News

Eine Idylle: Das Dresdner Elbufer (Bild: blu)

Ich sitze an einem Tisch ganz vorne im Biergarten. Das Radeberger schmeckt. „Mission accomplished.“ Direkt vor mir das Dresdner Elbufer. Zahlreiche junge Menschen nutzen das gute Wetter und genießen den Tag in der Sonne mit Blick auf die Altstadt. Da ist sie wieder, diese Idylle. „Wirklich schön hier“. Ich nehme mein iPhone, vollziehe digitale Leerlaufhandlungen auf Facebook und beantworte einige neue Emails. Die Arbeit verfolgt mich. So ein iPhone ist wie eine Fußfessel. Es hat schon was von einer Droge. Das leckere Bier allerdings auch.

Als ich gerade darüber sinniere, ob es nicht logischer gewesen wäre, als Frankfurter in Dresden ein Krusovice zu bestellen, weil deren Zentrale sicher näher ist, als die Radeberger Zentrale in Frankfurt-Sachsenhausen, mischt sich Musik in die Idylle. Erst wummert nur ein Bass zwischen diesseits und jenseits der Elbe umher, dann wird es deutlicher: Rockmusik. Ich mag Rockmusik. Aber verwundert bin ich schon: So laut? Jetzt? Hier? Machen die Sachsen etwa am Donnerstagmittag Party? Mitten in ihrer Altstadt? Respekt!

Das Bier ist alle. Zeit, wieder das Elbufer zu wechseln. Ich gehe zurück Richtung Augustusbrücke, versuche krampfhaft, einer wunderschönen, aber für meine Verhältnisse viel zu jungen Dresdnerin nicht hinterher zu schauen – und verliere den Kampf mit mir selbst. Da fällt mir auf: Die Musik wird ja immer lauter.

Wieder auf der Augustusbrücke angekommen lüftet sich das Geheimnis um die laute Musik. Ich traue meinen Augen nicht! Auf der nächst gelegenen Brücke gen Süden, der Carolabrücke, folgt eine große Menschenmasse einem Kleinlastwagen. Ist denn heut’ scho’ Loveparade? Und dieses Jahr in Dresden? Nein, dazu wäre das die falsche Musik. Wenngleich sich die vielen Trillerpfeifen genauso mit den Bässen zu einer Geräuschkulisse verbinden wie damals, anno ’98, im Berliner Tiergarten. Da waren wir aber viel, viel mehr als diese Rockerbande, denke ich mit gewissem Stolz. Doch langsam kann ich erkennen, dass sich dieser Aufmarsch deutlich mehr Mühe gibt, seine Party als Demonstration zu tarnen, als wir Technohippies anno dazumal. Aus der Ferne sehe ich rote Fahnen, grüne und orange… Nachtigall, ich hör dir trapsen!

blu-News

Polizei vor der Schlosskirche (Bild: blu)

Kaum, dass ich die Brücke überquert habe und wieder vor der Schlosskirche stehe, fahren drei Polizeiwagen vor und sperren die Straße zur Augustusbrücke. „Kommen die hier auch lang?“, frage ich denjenigen Beamten, der am wichtigsten aussieht. „Nooa, joaaa“, antwortet der. „Und was sind das für welche, was ist deren Begehr?“ „Dos sind Schüler und Studäntn. Prötestiän gegen Lähramongel und söu“. Na, jetzt wird’s aber interessant hier…

Ohne Druck wird man schließlich nicht Erster…“

Als eingefleischten Rechtspopulisten zieht es mich in der Regel nicht so sehr zu linken Demonstrationen. Umso besser also, dass endlich mal der Berg zum Propheten kommt. Ich stelle mich an den Anfang der Augustusbrücke und sondiere eventuelle Fluchtwege. Erstens, weil ich einen Anzug trage und weiß, wie das Klientel, das ich erwarte, auf solch ein kapitalistisches Zeichen reagieren könnte. Und zweitens, weil ich mein flottes Mundwerk kenne und weiß, dass ich mich nicht beherrschen kann.

Nein, ich kann mich wirklich nicht beherrschen. Das könnte auch ins Auge gehen. Und ich habe am Abend einen Flug nicht-zu-verpassen. Es dauert, bis der Tross von geschätzten Zweitausend Menschen den Weg bis zur Augustusbrücke findet. Zeit genug, mir selbst einzugestehen, dass ich meine Klappe wirklich nicht halten werde, selbst wenn ich es mir vornehme. Und Zeit genug, wieder Durst zu kriegen. Da ist ein Restaurant, passenderweise mit Biergarten und Radeberger-Logo direkt am absehbaren Demonstrationsweg. Man muss die Zeichen erkennen, wenn sie einem gesendet werden. Ich gehe in den Biergarten. Besser so.

Auf dem Weg dorthin komme ich an einer jungen Frau vorbei, die eine Kamera aufbaut. Eine professionelle Medientussi ist sie nicht, das erkennt man an ihrem Equipment. Wahrscheinlich gehört sie zu den Organisatoren der Demo. Kleidungstechnisch würde ich sagen: Ja, sie gehört zu den Organisatoren der Demo. Wieder Zeit für Smalltalk.

Was denn da mit so viel Rämmidämmi über die Brücke kommen würde, frage ich alter Heuchler im Stile eines gänzlich Ahnungslosen. „Das ist eine Demonstration gegen die sächsische Bildungspolitik!“, antwortet die süße, unbescholtene Studentin in astreinem Hochdeutsch. „Eine Demonstration? Gegen die Bildungspolitik?“ – frage ich nach. „Ja, wegen Lehrermangel und so!“ – „Mein lieber Mann, Hut ab! Ganz schöne Streber, diese Sachsen!“ Pause. Sie guckt doof, schaut mich irgendwie fragend an. „Naja, ich dachte Sachsen hat zuletzt den Pisa-Ländervergleich gewonnen!? Nummer eins in Deutschland…“ Wieder eine Pause. „…und trotzdem gehen die da gegen die Bildungspolitik auf die Straße?“ Sie guckt noch doofer als zuvor. Und sie fängt zu grübeln an. Ein flotter Spruch zum Thema fällt ihr heute wohl nicht mehr ein. Zeit für den Nackenschuss: „Oder gehen die da vielleicht genau deswegen auf die Straße…?? Ohne Druck wird man schließlich nicht Erster… im Pisa-Ländervergleich!“

Ich wünsche einen schönen Tag und setze meinen Weg fort. Das fragende, verdutzte Gesicht gibt mir die Gewissheit, zumindest eine Studentin zum Nachdenken angeregt zu haben.

Stolzer Besitzer eines neuen Glücksbringers

Im Biergarten angekommen stelle ich fest, dass mein Geld zur Neige geht. Nur noch ein jämmerlicher Fünf-Euro-Schein findet sich in meinem Portemonnaie. Hier gilt Selbstbedienung, kein Kreditkarten-Logo weit und breit. Den Menschen, die vor mir Bier kaufen, werden horrende zwei Euro Pfand abgenommen. Mir dünkt, das könnte eng werden. Am Ausschank angekommen, lasse ich die Hosen runter. „Ein großes Radeberger bitte. Aber ich habe nur noch fünf Euro. Ich kann Ihnen aber einen Dollar und eine D-Mark als Pfand anbieten.“

Die Kassiererin lacht und verzichtet auf meinen Pfand. Außerhalb gewisser Kreise können Anzug und Krawatte auch positive Wirkung haben. Man munkelt, das liege daran, dass die meisten Menschen mit derart gekleideten Personen keine schlechten Erfahrungen gemacht haben. Klingt nach Sozialdarwinismus, nicht wahr? Ist es auch. Der Punkt ist: Es stimmt trotzdem.

Die D-Mark in meinem Portemonnaie hat übrigens ihre ganz eigene Geschichte. Neulich wollte ich in Frankfurt einkaufen, parkte mein Auto und machte mich auf, mir einen Einkaufswagen zu holen. Neben mir her ging ein älteres Ehepaar mit einem leeren Einkaufswagen, um diesen zurück zu bringen. Es regnete. „Haben Sie da einen Euro drin?“, fragte ich den Mann. „Ja“, sagte der. Also bot ich ihm einen Euro an und nahm dafür seinen Wagen. Als ich nach dem Einkauf den Wagen zurück brachte, fand ich darin statt eines Euros eine D-Mark.

Bis heute frage ich mich, wer nun eigentlich wen ausgetrickst hat. Damals bekam ich spontan ein Grinsen im Gesicht. Wenn man das mit der Inflation genau betrachtet, müsste ich Gewinn gemacht haben. Andererseits kann man mit einer D-Mark nirgendwo mehr bezahlen. Wiederum andererseits braucht man ständig etwas zum In-den-Einkaufswagen-Reinstecken (und eine D-Mark passt überall, man glaubt es kaum!). Und noch mal andererseits hat dieses wunderschöne Geldstück einen ungleich höheren ideellen Wert.

Ich habe mich entschieden, fortan stolzer Besitzer eines neuen Glücksbringers zu sein. Als solchen hätte ich das labberige Papier namens US-Dollar in meinem Portemonnaie übrigens nie betrachtet. Ziemlich nationalistisch, nicht wahr?

Mit Bildungspolitik herzlich wenig zu tun

Zurück nach Dresden. Die Musik wird lauter. „Mein Gott, das klingt wirklich nicht wie eine Demo“, denke ich. Die Menschen im Biergarten werden unruhig, haben keine Ahnung, was da kommt. Am Nachbartisch sitzt eine Gruppe Spanier. „Es una Fiesta, no?“ – fragt ein älterer Herr seine Begleitung. Dass er als Spanier wirklich denkt, da sei eine Party im Anmarsch, wundert mich als Halbspanier nicht.

blu-News

Jetzt wird's interessant: Die "Demo" ist vor der Schlosskirche angekommen (Bild: blu)

Der Demonstrationszug ist vor der Schlosskirche angekommen. Er hält an. Ein Mann auf dem Kleinlaster stimmt per Mikrophon Parolen an, die sich freilich reimen. Ich fühle mich an alte Al-Bundy-Sendungen erinnert. Es liegt der Flair einer US-Sitcom in der Luft, so infantil gebärdet sich diese Demonstration. Einige hundert Menschen grölen die Reime nach, an deren exakten Wortlaut ich mich glücklicherweise nicht mehr erinnern kann. Und dann wieder Rockmusik. Die Menge tanzt. Was für ein sinnbefreites Szenario! Köstlich!

Die Musik wird wieder unterbrochen. Mir geht ein Licht auf. Na klar, hier ist der absolute Hotspot der Demo. Im Hintergrund die Dresdner Altstadt, das ist das Bild für die Fernsehkameras, das ist der Höhepunkt, jetzt ist Crunchtime für die „Demonstranten“.

Der Sprecher, ein relativ junger Mann, holt aus, dem verwunderten Publikum, vornehmlich Touristen, seine zentrale Botschaft zu überbringen. Und die lautet: „Wir sind nur Humankapital!“ Spätestens jetzt bin ich froh, den Standort gewechselt zu haben. Dort, direkt neben der Augustusbrücke, hätte ich wahrscheinlich zurück gebrüllt: „Ja! Und zwar ziemlich schlechtes!!!“ Aber hier im Biergarten kann mich sowieso keiner hören. Zum Glück.

Tatsächlich ist das demonstrierende Humankapital in erbärmlichem Zustand. Viele sehen so aus, als hätten sie nie eine Universität von innen gesehen, geschweige denn überhaupt die Hochschulreife erlangt. Wer auch immer Sachsen auf Platz Eins im Pisa-Ländervergleich katapultiert hat, sitzt wahrscheinlich gerade jetzt in der Schule, bei den Hausaufgaben, im Hörsaal oder in der Mensa. Und wundert sich, dass heute zufällig alle Schulversager und Langzeitstudenten auf einmal geschwänzt haben.

Vorweg marschiert offenbar die Dresdner linksextreme Szene. Es wehen rote Fahnen, manche ohne irgendein Emblem, manche mit dem Logo der Linkspartei, manche mit dem Logo der SPD. Vor sich her schieben die Demonstranten Transparente, die allesamt mit Bildungspolitik herzlich wenig zu tun haben. Es geht hauptsächlich um das, was man in diesen Kreisen Kapitalismus-Kritik nennt. Die Welt müsse aus der Krise des Kapitalismus lernen und „sozialer“ werden, heißt es sinngemäß auf einem der großen Aufmacher. Auf einem anderen steht: „Nieder mit dem sozialen Frieden!“ Hm. Ob das der Bildung wirklich dienlich wäre?

Was die da vorne im Schilde führen

blu-News

Die so genannte Bildungsdemo in Dresden: "Nieder mit dem sozialen Frieden" - Welch Ironie, an diesem Ort! (Bild: blu)

Ich fass’ es nicht! Jetzt offenbart sich mir die ganze Ironie, die sich in diesem einen Augenblick verbirgt. Es ist ein Bild für die Götter, eine Minute für die Ewigkeit. Eine Situation, die mehr sagt über den intellektuellen Zustand dieses Landes als tausend Kommentare, Artikel, Studien und Analysen. Da marschiert die rot-grüne Jugend an einem Orte auf, der gerade vor 20 Jahren nach einem halben Jahrhundert Sozialismus an einem Punkt tiefster Tristesse und Armseligkeit angekommen war – und demonstriert gegen jene Form des „Kapitalismus“ (zur Erinnerung, „Kapitalismus“ ist nichts weiter als der kommunistische Kampfbegriff für die „Freie Marktwirtschaft“), die vielleicht nicht perfekt sein mag, die aber wenigstens dazu führte, dass dieser Ort, diese Stadt, dieses große Erbe unseres Landes wieder aufgebaut werden konnte und zu alter Pracht zurück fand.

blu-News

Grüne Fahnen und Rockmusik: Die Bildungsversager fordern bessere Bildung (Bild: blu)

Jetzt überkommt es mich. Die Situation überwältigt mich. Ich muss lachen. Nicht nur grinsen, sondern lachen. Die Demonstration zieht weiter, direkt an meinem Biergarten vorbei. Ich stehe am Rande des Biergartens und lache, dass mir fast die Tränen kommen. Zwischendurch sehe ich verdutzte Demonstranten, die mit allem gerechnet haben, nur nicht damit: Ein Mann, der vom Alter her, wäre er Langzeitstudent geworden, noch locker zu ihnen zählen könnte, der aber Anzug und Krawatte trägt, der im Takt der Rockmusik die Faust zum Himmel streckt und sich dabei vor Lachen kaum halten kann.

Im Sekundentakt schwirren mir die Gedanken durch den Kopf: Dass es Rockmusik doch gar nicht geben würde, hätte es den kapitalistischen Westen nicht gegeben. Dass so eine lächerliche Demonstration in einem sozialistischen Staat niedergeschlagen würde, bevor sie überhaupt los marschiert wäre. Dass in Pisa-Tests jene Bundesländer am besten abschneiden, in denen die CDU regiert, während hier tölpelhafte Links-Chaoten vorgeben, sie wüssten besser, wie „Bildung“ funktioniert. Dass ein jämmerlicher Haufen derer, die mehrheitlich schon im bestehenden System und überwiegend aufgrund eigener Faulheit und Dummheit gescheitert sind, meinen, das System sei an ihrem Versagen schuld. Und dass gerade sie allen Ernstes noch behaupten, sie wüssten ein besseres. Und als wäre dieser Moment nicht so schon göttlich genug, mischt sich in den Hintergrund, wann immer die Rockmusik unterbrochen wird, Beethovens Ode an die Freude, gespielt vom Betreiber des Biergartens anlässlich einer Hochzeitsveranstaltung im Innenraum. Dieses wundervolle Meisterwerk der klassischen Musik, das nun im Namen der 68er Ideologie als Hymne für den modernen Internationalismus Brüsseler Prägung zweckentfremdet (und ideologisch verschandelt) wurde. Nein, dieses Szenario ist wirklich nicht mehr zu überbieten.

Der Tross wandert weiter. An das rote Fahnenmeer schließen sich nun grüne und orange Fahnen an. Und manch einer sieht wirklich so aus, als hätte er sich seinen Berufswunsch „Freibeuter“ erfüllt. Es fehlen nur noch Augenklappen, Handhaken und Papageien auf der Schulter. Käpt’n (!) Jack Sparrow lässt grüßen!

blu-News

Wirklich erschreckend: Weiter hinten kommen die "Normalos". Ob die da hinten wissen, was die da vorne im Schilde führen? (Bild: blu)

Doch auf Grüne und Piraten folgen nun jene, die wirklich einen vernünftigen Eindruck machen. Jene, die Linkspartei, SPD, Grüne und Piraten wählen, ohne überhaupt eine Ahnung davon zu haben, was deren wesentlichen Ziele sind. Jene, die glauben, dass es denen ja mehr als CDU und FDP, geschweige denn irgendwelchen „bösen Rechten“, wirklich um „das Gute“, wirklich um das „Gutsein“ geht. Mit anderen Worten: Es folgt die Creme de la Creme der Sozialpädagogen, Theologen und Politologen. Es folgen einfache Lehrer und Erzieher, es folgen einfache Schüler und (zum Folgen) Erzogene. Das ist wirklich beängstigend. Das tut fast weh, wenn man ehrlich ist. Ob die dahinten überhaupt wissen, geschweige denn verstehen, was die da vorne im Schilde führen? Ja gar, was für eine teuflische Brut das ist?

Das eine bedingt das andere

blu-News

Beeindruckend: Die Frauenkirche (Bild: blu)

Göttlich, teuflisch. Wer mit solchen Wörtern um sich schmeißt, sollte einen Besuch in der Frauenkirche nicht scheuen. Selbst wenn er sich Agnostiker schimpft. Gesagt, getan. Der Tross ist weiter gezogen, das Bierglas anständigerweise zurück gegeben, obwohl ich keinen Pfand dafür bezahlt habe (nicht, dass meinetwegen zukünftige Anzugträger keine Privilegien mehr genießen dürfen!). Auf geht’s zu diesem Gebäude, das wie der berühmte Phönix aus der Asche auferstanden ist, kaum dass der böse „Kapitalismus“ über den ach so sozialen Teil der Welt gesiegt hatte.

Man erkennt schon von weitem, dass die Frauenkirche rekonstruiert wurde, da sich die helle Farbe der Steine von den dunkleren Gebäuden in der Umgebung absetzt. Doch auch in dunklerer Farbe wäre dieser Bau beeindruckend, schon von außen.

Von Innen jedoch zeigt die Frauenkirche erst ihre wahre Pracht. Diese geometrische Form, diese Liebe im Detail, diese phänomenale Kuppel. Ich gehe ein paar Schritte, da überkommt es mich. Ich setze mich in eine leere Reihe. Hätte ich nun niederknien müssen, bevor ich mich in die Reihe setze? Ich war so lange nicht mehr in einer Kirche. Und wenn, dann nur zum Sightseeing.

Und nun? Soll ich jetzt beten? So weit kommt es nicht. Das lässt mein Weltbild nicht zu. Wieso soll ich zu jemandem beten, den es meiner Überzeugung nach so nicht geben kann? Schlimm genug, dass ich mit mir selber rede. Und Gott? Als Agnostiker sehe ich das entspannt. Ich entschließe mich, nicht zu beten, sondern mit Gott zu reden. Wurde auch mal Zeit, um ehrlich zu sein.

Wenn es Gott gibt, wird er für meine Sichtweise Verständnis haben. Denn meine Sichtweise beruht auf der Erkenntnis, dass ich als einfacher Mensch niemals im Stande sein kann, denjenigen, der all dies, das Universum, die Erde und in letzter Konsequenz auch die Frauenkirche, erschaffen hat, überhaupt im Entferntesten zu begreifen, geschweige denn, an ihn zu glauben. Gott ist, so denn es ihn gibt, wahrhaft unglaublich.

blu-News

Die Frauenkirche von Innen (Bild: blu)

Religion ist so gesehen ein Widerspruch in sich. Der Gott, an den der Mensch glaubt, ist immer eine Projektion seines beschränkten Geistes. Kein menschlicher Geist ist imstande, das zu erfassen, was Gott sein muss, wenn er denn Gott ist. Vielleicht ist es das, was uns die Bibel sagen will, wenn es in einem der Zehn Gebote heißt: „Du sollst dir kein Gottesbildnis machen, das irgendetwas darstellt am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde.“

Heißt das nicht, konsequent zu Ende gedacht: Du sollst nicht an Gott glauben? Ist so gesehen nicht der Agnostiker, der die Frage nach Gott bewusst offen lässt, der sich eingesteht, diese Frage nicht beantworten zu können, am Ende der wahre Christ? Weil er sich weder ein Bild von Gott macht, noch ein Nicht-Bild von einem Nicht-Gott, wie die Atheisten? Sondern sich selbst in Demut und Objektivität eingesteht, dass sein Geist zu beschränkt ist, um etwas wie Gott überhaupt verstehen zu können, geschweige denn, an ihn zu glauben, es sei denn, er sieht Gott als Mittel zu seinem ganz eigenen Zweck?

Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass dieser Moment magisch ist. Weniger, weil es überall Bildnisse des Christentums in diesem Gebäude hat. Vielmehr, weil mir bewusst wird, welch großartige Leistung die Erbauer dieses Gebäudes seinerzeit erbracht haben, gleichwohl, welch großen Wert es hat, dass dieses Monument wieder errichtet wurde. Man kann zur Religion stehen, wie man will. Aber wenn sie Menschen dazu animiert, auf diese positive Weise Höchstleistungen zu vollbringen, dann ist sie etwas Gutes. Leider tendieren Menschen dazu, im Namen der Religion auch auf negative Weise Höchstleistungen zu vollbringen.

Ob das alles überhaupt etwas mit Religion zu tun hat? Wie schon gesagt: Ich weiß es nicht. Wer sich damit abgefunden hat, nicht zu glauben, muss sich auch damit abfinden, nicht alles zu wissen. Das eine bedingt das andere.

Macht uns etwa die Zivilisation selbst kaputt?

Und wieder fliegen die Gedanken durch meinen Kopf. Warum nur? Warum das alles? Warum tun wir das? Hat uns die Geschichte nicht genug gelehrt? Fragen, die an diesen Ort gehören. Fragen, die sich hier besser spezifizieren lassen, als irgendwo sonst. Warum beispielsweise schwärmen die Statthalter des Multikulturalismus, Personen wie Claudia Roth, unentwegt vom kulturellen Schatz der Türken und der Araber? Natürlich hüten Länder wie die Türkei, Ägypten, gar Saudi-Arabien kulturelle Schätze der Menschheitsgeschichte. Wer würde das ernsthaft bezweifeln?

blu-News

Überwältigend: Die Kuppel der Frauenkirche von Innen (Bild: blu)

Aber das gleiche gilt für uns! Auch wir haben unsere Baumeister, auch wir haben unsere Geschichte, auch wir haben unsere großen Köpfe! Auch unsere Kultur, diese Kultur, die sich hier in der Frauenkirche in ihrer Blüte zeigt, hat ein Recht darauf, bewahrt zu werden!

Was hat Multikulturalismus überhaupt für einen Sinn? Ist es nicht der wahre Multikulturalismus, einfach anzuerkennen, dass es ein deutsches Deutschland gibt, ein französisches Frankreich, ein spanisches Spanien, eine türkische Türkei, ein ägyptisches Ägypten und ein wahhabitisches Saudi-Arabien? Wer könnte noch diese kulturelle Vielfalt genießen, wenn all diese Kulturen homogenisiert und in ein großes Ganzes überführt würden, mit den Pyramiden, dem Eiffelturm, dem Petersdom, der Sagarda Famila, dem Brandenburger Tor und der Frauenkirche als pure Relikte untergegangener Kulturen, als Photo-Motive für Touristen, als steinerne Zeugnisse dessen, was einmal wahr, als inhaltslose Hüllen einer nur noch auf Konsum und Kommerz ausgerichteten, wertelosen Supersociety?

Was wäre der Sinn für uns als Menschen, nach dergleichen zu streben? Ist es nicht die Popkornisierung unserer eigenen Kultur, die wir gerade erleben? Kultur als Kino? Bestenfalls als Heimkino? Nur anschauen, aber nicht anfassen, und schon gar nicht darüber nachdenken? Photo-machen, Photo-machen, Photo-machen, aber bitte hurtig, hurtig, hurtig, denn gleich kommt Exklusiv auf RTL und heute Abend spielen die Bayern?

Das kann es doch nicht sein. Mit diesem Anspruch hätte es der Affe namens Mensch niemals bis zum aufrechten Gang geschafft. Macht uns etwa die Zivilisation selbst kaputt? Öffnet vielleicht gar jene Freiheit, jene Demokratie, jene Rechtsstaatlichkeit, für die ich so überzeugt und von Herzen eintrete, der selbst-verschuldeten Dummheit unseres Kulturkreises Tür und Tor? Weil sich ungeahnte Mächte dazu aufmachen, aus der Bequemlichkeit der Menschen sprichwörtlich Kapital zu schlagen?

Huch! Bin ich jetzt etwa selbst ein Kapitalismus-Kritiker? Nein. Keine Sorge. Die, die sich so nennen, sind die allerersten, die unsere Kultur abschaffen und aus Bequemlichkeit Kapital schlagen wollen. Doch so einfach, wie es scheint, sind die Dinge nicht. Rechts ist nicht gleich rechts, links ist nicht gleich links. Am Ende des Tages geht es beiden Seiten, die in Wahrheit unzählbar viele Seiten sind, doch nur um das Eine: Um eine „bessere Welt“. Entscheidend ist niemals das „Was?“, sondern immer das „Wie?“. Schade, dass darüber nicht mehr debattiert wird in diesem Land.

Ein Nachmittag in Dresden kann so erleuchtend sein

Es reicht. Diese Kirche macht mich wahnsinnig. Im positiven Sinne vielleicht. Doch auch des Positiven kann man überdrüssig werden, auch des Guten ist es irgendwann zu viel. Es ist Zeit, sich weltlicher Bedürfnisse zu fügen.

Die Suche nach einem Geldautomaten führt mich ins Dresdener Hilton Hotel. Kapitalistisch, wie ich gekleidet bin, hält man mich hier für einen Gast, weist mir den Weg zum hauseigenen Geldautomaten und findet es nicht einmal merkwürdig, dass es mich danach gen hauseigener Toilette zieht. Kleider machen Leute. Während der durchschnittliche Kapitalismus-, Entschuldigung, Bildungssystem-Kritiker an diesem Tag 50 Cent für die Benutzung öffentlicher Toiletten bezahlt, oder seine Notdurft unter Bäumen verrichtet, mache ich kapitalistischer Schnorrer es mir für nottich auf Hilton’schem Marmor bequem. Selbst wenn man gar nicht „groß“ muss, hier setzt man sich gerne hin. Immerhin ein kleiner Sieg über die Heerscharen linker Demonstranten. Die waren zwar zahlenmäßig überlegen, aber jetzt, wo es „drauf an kommt“, hab ich die besseren Karten! Jede Wette!

blu-News

Flüsse in Städten sind was tolles! Blick auf Schlosskirche und Semperoper, davor: die Elbe (Bild: blu)

Es zieht mich zurück Richtung Elbufer. Flüsse in Städten sind was Tolles. Da dürften sich Linke und Rechte einig sein. Und in diesem Punkt braucht sich Frankfurt vor Dresden nicht zu verstecken. Die Innenstadt traf es vergleichbar hart im Krieg, auch Frankfurt wurde bis auf die Grundmauern vernichtet. Heute prägen Hochhäuser das Bild der Stadt am Main. Das ist zwar anders, aber auch das hat seinen Flair. Und ehrlich gesagt: Ich liebe es, ich liebe mein Mainhätten, genauso wie die Dresdener Altstadt. In Frankfurt wurde das Erbe von ganz-früher zerstört, es zeigt sich aber heute das Erbe von ein-wenig-früher, das Erbe der Nachkriegszeit, das Erbe einer Zeit, in der Deutschlands Wirtschaft boomte, zu Weltruhm aufstieg, jenem Weltruhm, nach dem die sächsischen Monarchen einst strebten. Frankfurt symbolisiert auf moderne Weise das, wofür Dresden klassizistisch steht. Auf beides darf man stolz sein, denn beides sind Symbole der selbst erarbeiteten Prosperität unserer Gesellschaft. Und jede Generation hat das Recht, sich seine eigenen Denkmäler zu bauen. Mehr noch: Jede Generation sollte das tun. Auch das manifestiert Kultur.

Es ist Zeit, zum Flughäfchen zurück zu kehren. Doch vorher erreicht mich der verlockende Duft von gebratenem Schweinefleisch. Thüringer Bratwurst, um genau zu sein. Ich weiß, dass ich nicht in Thüringen bin. Aber ich weiß auch, dass Thüringer Bratwurst fantastisch schmeckt. Und weil das Flughäfchen so klein ist und die Bratwurst so gut riecht, reicht die Zeit allemal für eine Sünde. Theoretisch auch für zwei oder drei.

Praktisch soll nur eine zweite folgen: Ein Köstritzer Schwarzbier am Elbufer. Auch so viel Zeit muss sein! Und plötzlich kommen sie doch noch, die so genannten Südländer. Fünf an der Zahl. Einer mit Akkordion, die anderen mit Gitarre. Was für eine Bereicherung!

Die Männer, die zweifelsohne gute Musiker sind und berechtigten Applaus von den anwesenden Touristen erhalten, erweisen sich – trotz latino-lastiger Töne – als Ungarn. Aber sind nicht auch die Ungarn per se Rechtspopulisten?

Apropos Rechtspopulisten. Ich rufe meinen Sarrazin-befürwortenden Taxifahrer an. Er kommt in 15 Minuten zur Semperoper. Super! Es gibt jede Menge zu erzählen!

blu-News

Da ist er ja: Der beste Taxifahrer Dresdens wartet vor der Semperoper (Bild: blu)

Wir sitzen gerade im Auto auf dem Weg zum Flughäfchen, da kommen im Lokalradio die Nachrichten. Top-Thema: „Schüler und Studenten demonstrieren in Dresden für ein besseres Bildungssystem.“ Und wieder muss ich lachen. Der Bericht im Radio erscheint mir wie Slapstick. Wie Stand-Up-Comedy vom allerniedrigsten Niveau. Ich habe die Bilder von dieser Demonstration vor Augen und höre den Bericht dazu. Nein, es ist nicht das Bier, weswegen ich lache. Es ist die Realität. Und der (hoffentlich nüchterne) Taxifahrer lacht mit mir. Auch er hat die so genannte Demonstration gesehen. Er gibt mir recht. Dieses Land ist verrückt geworden. Quod erat demonstrandum. Oder, wie der Taxifahrer sagte: „Schon kömisch, nüsch woah? Oba wenns öll nüsch möa hülft, gämma halt wiedoa ölle üffe Bärrikoadn. Nüsch woah?“ Ein Nachmittag in Dresden kann so erleuchtend sein.

Artikelbilder:

  • Dresden zu DDR-Zeiten (Bild: Hajotthu; Quelle: Wikipedia; Rechte: Siehe Link)
  • Alle anderen Bilder: blu

Share

About Author

Marco Pino

(17) Readers Comments

  1. Das war ein sehr, sehr, sehr guter Beitrag, vielen Dank. In jeder Hinsicht. Habe ähnliche Erfahrungen mit Leipzig gemacht. Auch ähnliche Gedanken über Gott. Literaturtipp: Cicero: Über das Wesen der Götter. Geschrieben um 50 vor Christus. Wahnsinn, wenn man bedenkt, dass die vernünftige Behandlung religiöser Fragen älter ist, als die Religionen, die uns heute plagen. — Nochmal danke.

  2. Wunderbar! Die Zeit für diesen langen, aber wunderbaren Bericht ist bestens investiert!

  3. Toller, interessanter und kurzweiliger Bericht. Danke dafür.

  4. Ein erfrischender Bericht über das schöne Elbflorenz, in dem die Vernunft offenbar noch etwas gnädiger geduldet wird als im zunehmend ‘abdrehenden’ Westen. Eenes Dooches wirds drieben im käbidälisdischn Osdn bessa sain wie im sozialüstüschn Wesdn, nü?

  5. Dankeschön, auch von mir, einem bekennenden Dresden-Fan, für diesen tollen Bericht.

  6. Super Artikel,hört sich fast an wie aus einer schöneren Welt!
    (Dresden mus ich auch mal besuchen,aber bitte ohne Idioten Demo.)

  7. Musste beim Lesen an meinen letzten Besuch in Dresden (2011) denken und bin glatt ins Schwärmen gekommen.

    Übrigens wäre bei dem schönen Wetter ein Besuch im “Weissen Hirsch” sehr zu empfehlen gewesen. Der Ausblick von dem Terrassenbiergarten ist unbezahlbar, das Bier und die Speisen dagegen nicht.

    Dann hätte man allerdings die Demo wohl verpasst. So vielleicht dann doch lieber nächstes Mal.

    “Ich entschließe mich, nicht zu beten, sondern mit Gott zu reden. “
    Das ist übrigens ein Paradoxon. Mit Gott reden ist viel mehr beten als das auswendige Runterreißen von Psalmen.

  8. Ein langer, toller Bericht, den sie hier geschrieben haben. Ich selbst komme aus Dresden, wobei ich die letzten Jahre zum größten Teil nicht in der Heimat verbracht habe, sondern unter anderem in Frankfurt oder ausbildungsbedingt im Ausland, und auch jetzt hat mich mein Studium einmal mehr aus Dresden weggeholt. Umso schöner, die eigenen Erfahrungen hier in einem so trefflichen Bericht zu lesen und sich einmal wieder vor Augen führen zu können. Und wie sie dabei so viele Themen mit einfließen lassen haben, wirklich lesenswert!

  9. Hallo Zusammen!
    Vielen Dank für die Kommentare und das Lob! Ja, das Schreiben hat in diesem Fall auch ganz besonders viel Spass gemacht. Denn es hat sich ja wirklich alles so ereignet… und es war einerseits einfach wiedermal super schön in Dresden, und andererseits eben so passend, so bezeichnend, so politisch lehrreich bis ins Detail…

    Das Leben schreibt halt die besten Geschichten!

    Ich hoffe, es ereignen sich noch mehr so Tage. Wenn ja, werde ich hier davon berichten! Versprochen! :)

    MFG

  10. Lieber Marco!
    Das war ein wundervoller Bericht. Sollten Sie wieder einmal in Dresden sein, würde ich Sie gern auf ein (oder zwei, oder drei…) Bierchen einladen. Kein Radeberger, ich zeige Ihnen was anderes schönes, versprochen.
    Übrigens, und darauf sind wir besonders stolz, ist die Frauenkirche auf Initiative eines Häufchen Unentwegter um Ludwig Güttler fast ausschließlich aus Spendengeldern aufgebaut worden. So etwas ist wohl einmalig in Deutschland.
    Wie Sie selber gemerkt haben, ticken die gebürtigen Dresdner anders als der Rest der Welt. Für uns ist Dresden quasi unsere Wohnstube und wir verfolgen aufmerksam jede Veränderung. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb wir allgemein konservativer sind und sich die etablierte Politik einschließlich der angeschlossenen Medien wie der “MDR” und die “Sächsische Zeitung” besonders bemühen, uns “umzuerziehen”.
    Es ist sicherlich auch nicht zufällig, dass ausgerechnet in Sachsen der NSU-Mythos aufgebaut wurde…
    Also, meine ePost-Adresse haben Sie, mein Angebot gilt!
    Gruß!
    Tolkewitzer

  11. Vielen vielen Dank für diesen wundervollen Artikel! Dresden ist schöne und friedliche Stadt ohne Frage. Trotzdem mache ich mir Sorgen. Es lassen sich auch hier immer mehr Moslems nieder. Mittlerweile sieht man fast täglich Kopftücher. Bis die erste große Moschee gebaut ist nur eine Frage der Zeit…Die Dresdner Bürger scheinen wie überall in Deutschland zu schlafen. Wenn es ihnen hier so gut gefällt, warum kommen Sie nicht her und werden politisch aktiv? Der Osten könnte von den Fehlern des Westens lernen. So ließe sich das Schöne bewahren.

  12. Tyra hat leider Recht.

    Dresden ist zwar noch weit entfernt von den Verhältnissen westdeutscher Großstädte. Aber gerade wenn man die Entwicklung dort miterlebt hat, weiß man, wie schnell das “kippen” kann. Eine Zeitspanne von 10 – 20 Jahren kann ausreichen, und man hat in der Innenstadt das Gefühl, als Deutscher einer Minderheit anzugehören bzw. es entstehen “No-go”-Areas für Deutsche und rein mohammedanische Kieze wie in Berlin-Neukölln. Gerade christliche Sakralbauten wie die Frauen- oder Hofkirche bzw. die neue Synagoge werden Anlass sein, ähnlich wie in Köln eine noch größere “Reaktor-Moschee” mit saudischem Geld in die Landschaft zu setzen, um Herrschafts- und Dominanzansprüche architektonisch deutlich zu machen.

    Die Islam-Kritiker in Dresden sollten sich bei Zeiten miteinander vernetzen. Kürzlich (19.05.) hat im “Schützenhaus” eine Veranstaltung von PRO mit ca. 100 Teilnehmern stattgefunden, bei der auch Manfred Kleine-Hartlage auftrat.

    http://korrektheiten.com/2012/05/23/vortrag-in-dresden-links-ist-dort-wo-der-regen-von-unten-nach-oben-faellt/

  13. Hallo Tolkewitzer,

    Ich wollte Dich eben per e-mail auf diesen Artikel von Frank Furter aufmerksam machen. Aber da bist Du ja schon.
    Nun, eine wahre “Liebeserklärung” an eine Stadt. Ich bin zwar kein Stadtmensch, aber als ich diesen Artikel gelesen hatte, war für mich klar: wenn schon eine Stadt (ich spreche von Grossstadt) besuchen, dann steht Dresden wirklich auf der Wunschliste ganz oben. Aber ob ich den Dialekt verstehen würde ? Jedenfalls ist er äusserst sympathisch.
    Nun, ich habe Stress, wir haben Ferien :lol: Alles Gute an Dich und Gruss von Simbo.

    Zum Schluss noch ein Danke an Frank Furter für diesen wirklich lebendig geschriebenen, mit Humor gespickten Erlebnsbericht.

  14. Keine Bange liebe Simbo, Du wirst uns “Eingeborene” verstehen. Dresdner sprechen quasi ein “Hoch-Sächsisch”, schließlich sind wir die Hauptstädter! ;-)
    Liebe Grüße zurück!

  15. Danke FrankFurter für den Bericht aus der Realität, äh dem Tollhaus.

  16. Gerade habe ich den Artikel gelesen. Hatte nie besondere Lust auf Dresden, – jetzt schon!
    Allerdings wurde die Lust deutlich getrübt bei den Kommentaren über die ‘Kopftücher’.
    Wohne selber in einer Großstadt mit jeder Menge Kopftüchern … und den alltäglichen Folgen.
    Es war wie eine Erholung von einem Ort zu lesen, an dem es noch nicht so ist.

    Ich komme mir vor wie im ‘Hase und Igel’! Wo man auch hinkommt, – sie sind schon da!

  17. Viele der Oststädte sind noch in deutscher Hand. Aber das Kippen beginnt , wo man auch hinguckt.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>