Essays Hintergründe — 07 Mai 2012

Über die realen Gefahren der Kernenergie

Das Atomkraftwerk Grohnde in Niedersachsen (Bild: Heinz-Josef Lücking; Quelle: Wikipedia; Rechte: Siehe unten)

Der Physiker Dr. Thomas Frieling beschäftigt sich im zweiten Teil seiner Serie über die Energiewende mit den realen Gefahren der Kernenergie.

Warum hat sich die Bundesregierung zur Energiewende bekannt, und warum ist diese augenscheinlich so populär? Warum lässt man in der Frage der Versorgung mit elektrischer Energie nicht alles wie vorher?

Zunächst einmal: Bereits vor dem Ausruf der Energiewende im Juni 2011 wurde in der Frage der Stromerzeugung einiges geändert. Ein „Weiter so“ stand niemals zur Debatte und ist als Gegenpol zur Energiewende unzutreffend. Forschungsaufwände für Stromerzeugung aus Wind, Sonne, Biomasse, Brennstoffzelle, Kernfusion, für Nachfolgetechniken in der Kernspaltung und der Kohleverstromung gibt es genau genommen, seit es Kraftwerke gibt.

Gründe, in diese Richtung auch mit öffentlicher Förderung zu forschen, finden sich genug. So wurden Stand 2009 70 Prozent der Primärenergieträger importiert, und zwar aus Ländern wie Russland, Kolumbien und Niger. Die Abhängigkeit von politisch instabilen Regionen ist immens. Auch ist – bei allen alarmistischen und in dieser Sache völlig irrigen Meldungen des Club of Rome und Organisationen wie Greenpeace – tatsächlich davon auszugehen, dass bei steigendem weltweitem Bedarf an Energie die fossilen Energieträger wie Kohle und Erdöl irgendwann nicht mehr wirtschaftlich zu gewinnen sein werden. Wenn nicht in 20 Jahren dann eben in 100. Grund genug also, die Basis unserer Energieversorgung fortwährend zu überprüfen. Ist dann nicht die Energiewende zu begrüßen?

Was bei der Ausrufung der Energiewende geschah, ist die Entscheidung, die Forschungsergebnisse nicht abzuwarten, die wirtschaftlichen Berechnungen zu ignorieren und rechtliche Bedenken zu übergehen. Die einzige Begründung für die Energiewende war der Ausstieg aus der Stromerzeugung aus Kernenergie in Deutschland, welcher wiederum mit den darin liegenden Gefahren begründet wurde. In diesem Text geht es nun genau darum: Um Daten und Fakten rund um die Frage nach den Auswirkungen der Kernenergie auf Mensch und Umwelt.

Die Angst vor der Katastrophe

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Haben mit Radioaktivität gute Erfahrung gemacht: Die Pioniere elektronischer Musik von Kraftwerk (Bild: Simon Zirkunow; Quelle: flickr.com)

Egal, welche Argumente und Fakten hier nun folgen, die allermeisten Leser werden eine feste Meinung zur Kernenergie haben, viele davon eine ablehnende. Einen gewissen Anteil an der Ursache für diese ablehnende Haltung hat gewöhnlich die Frage der Entsorgung der schädlichen Abfälle. Dieser Punkt allein kann bereits Stoff für stundenlange Diskussionen sein. Den größeren und alles überstrahlenden Anteil an der Ablehnung der Kernenergie trägt jedoch die Angst vor einem großen Kraftwerksunglück bei.

Wer gegen das Szenario „Wir wissen nicht, wohin mit dem Hunderttausende von Jahren strahlenden Müll und wir wollen nicht in einer radioaktiven Wolke langsam an Krebs sterben oder mutierte Kinder zur Welt bringen“ antreten will, braucht einen wahren Betonkopf. Was könnte es rechtfertigen, eine Technik einzusetzen, die so eine Gefahr birgt? Wer hier anfängt aufzurechnen und mit Zahlen zu argumentieren, wird wie ein Relativierer des absoluten Schreckens gesehen, beinahe wie ein Holocaust-Aufrechner, der statt sechs Millionen lieber nur zwei Millionen Opfer der Konzentrationslager in den Geschichtsbüchern sähe und dies für eine Reinwaschung von der großen Schuld hält.

Menschenleben pro Terawattstunde?

Dabei stellen die Zahlen der gesundheitlich von der Kernenergie Geschädigten dieser Form der Stromerzeugung das vergleichsweise beste Zeugnis aus. In den OECD-Staaten wurde (Stand 2005) in der Kernenergie kein schwerer Unfall (mit mehr als fünf unmittelbaren Todesopfern) dokumentiert. Nach einer Studie des Paul-Scherrer-Instituts sind auch unter Berücksichtigung der latenten Todesfälle in Nicht-OECD-Staaten die angenommenen und zu erwartenden zukünftigen Todesfälle unter Einberechnung der Katastrophe von Tschernobyl vergleichbar mit denen der Wasserkraft. Diese ist nach einigen Dammbrüchen in China zumindest außerhalb der OECD ein gefährliches Unterfangen.

Als Beispiel für ein zynisches Modell „Menschenleben pro Terawattstunde“ taugt die Kernenergie also nicht. So richten sich die Vorbehalte auch selten gegen den Normalbetrieb. Zwar finden sich immer wieder Menschen, die aus Zahlenwerken Statistiken und aus Statistiken Befunde ableiten mit dem Ergebnis, dass Leukämie durch Kernenergie erzeugt oder gefördert würde. Dies ist aber bis heute nicht wissenschaftlich belegt. Das heißt, es handelt sich lediglich um eine – beliebige – Behauptung.

Die Urangst vor der Radioaktivität

Tscherenkow-Effekt im Reed Research Reactor, Portland, Oregon (Bild: US-NRC; Quelle: Wikipedia; Rechte: gemeinfrei)

Die weite Verbreitung von Angstszenarien in Sachen Radioaktivität hängt natürlich mit ihrem spukhaften Charakter zusammen. In gewisser Weise lebt in der Auseinandersetzung mit der Radioaktivität die kindliche Angst vor Gespenstern weiter. Man sieht nichts, man nimmt in keiner Weise etwas wahr, doch man weiß, dass hinter der nächsten Ecke unausweichlich etwas Schreckliches passieren wird. Auch der Verlauf der akuten Strahlenkrankheit ist in Literatur und Film sehr plastisch beschrieben worden.

Natürlich kann man sich leicht davon überzeugen, dass chemische oder biologische Gifte existieren, die ebenfalls dazu geeignet sind, massenhaft Menschen zu schädigen und qualvoll zu töten. Dennoch ist der Strahlenspuk mit seinem Zeitversatz zwischen Kontakt mit dem Gift und den Folgen einfach enorm eindringlich.

Es sind nicht reale Zahlen, die die Kernenergie in Deutschland um ihre Zukunft gebracht haben. Es sind die Befürchtungen, was geschehen könnte, wenn der große Unfall doch passiert. Die heute in Deutschland betriebenen Kraftwerke stammen in ihrer Konstruktion aus den Sechziger- und Siebzigerjahren. Bei diesen Kraftwerken wird durch die Auslegung der Sicherheitsbarrieren sowie durch mehrfache Redundanzen der Kühl- und Sicherheitssysteme dafür gesorgt, dass im Betrieb keine oder nur geringe, festgelegte Mengen an radioaktiven Substanzen freigesetzt werden können. Dass alle Systeme ausfallen, wird durch die Auslegung der Steuerung so gut wie ausgeschlossen.

Die Lehren aus Fukushima

Manchem Kernenergiebefürworter genügte dieses „so gut wie ausgeschlossen“, dieser Verweis auf das Restrisiko, um als sicher anzunehmen, so ein Ausfall könnte niemals eintreten. Das erwies sich als Wunschdenken. Was aber möglich ist, ist die Art von Unfall, die bei einem solchen Ausfall abläuft, zu beschreiben und in seinem Ausmaß vorher abzuschätzen. Diese Szenarien eines „Größten anzunehmenden Unfalls“ (GAU) oder „Auslegungsstörfalls“ laufen auf das Versagen der Kühlung hinaus. Szenarien, die darüber hinaus gehen, werden dann als Über- oder Super-GAU bezeichnet.

Spätestens seit den multiplen Reaktorunglücken in Fukushima infolge eines verheerenden Tsunamis kann man sich nicht mehr damit herausreden, solche Unglücke wären rein theoretische Konstrukte. Jeder muss anerkennen, dass Kernkraftwerke katastrophale Unfälle erleiden können. Das ist eine der Lehren, die aus Fukushima zu ziehen sind und weithin gezogen wurde.

Die zweite Lehre sollte ebenso offensichtlich sein. Sie zu ziehen, wird aber bislang zumindest in Deutschland verweigert. Es geht um die Erkenntnis, welche Auswirkungen ein solcher katastrophaler Unfall unter erschwerten Praxisbedinungen hat. In Fukushima fiel praktisch zeitgleich an drei Reaktoren die Kühlung aus, es kam praktisch zeitgleich bei drei Reaktoren zu Kernschmelzen. Hilfseinsätze waren durch die Tsunamikatastrophe und die weggebrochene Infrastruktur stark behindert. Dennoch hat das Unglück nichts gemein mit den ausgemalten Schreckensbildern von Todeswolken, die über die Lande ziehen und die Menschen strahlengeschädigt in Schutzräume treiben. Eine minutiöse Darstellung der wahren Geschehnisse hat die Gesellschaft für Reaktorsicherheit zusammengestellt.

Gleichwohl: der Schaden durch die Evakuierung eines Gebiets von zeitweise bis zu 30 km, später bis zu 20 km Distanz zu den zerstörten Reaktoren ist immens, die Kosten liegen mutmaßlich im Bereich von 200 Milliarden Euro.

Wie sieht es heute dort aus?

Der evakuierte Bereich rund um das AKW Fukushima (Bild: User:Mayhew; Quelle: Wikipedia; Rechte: CC-Lizenz)

Von einem allgemeinen Rückkehrplan ist noch nicht die Rede. Die Japan Times nennt eine Jahresdosis von 20 Millisievert (20 mSv/a) als Wert, bei dem generell in absehbarer Zeit eine Rückkehr geplant werden könne. Auf einer Karte, die die Daten darstellt, welche von Zuarbeitern des Blogs Safecast geliefert wurden, entspricht dieser Wert allen Farben außer der roten. Die Blogger haben auch externe Datenquellen erfasst und übersichtlich zusammengestellt. Manche Messungen sind tagesaktuell, andere sind viele Monate alt, was bei der Bewertung der Daten berücksichtigt werden muss. Die angegebenen Dosisleistungen, die ein Mensch aufnimmt, der sich in den erfassten Gebieten aufhält, liegt zwischen weniger als 0,1 µSv/h bis zu mehreren µSv/h.

Jüngst wurde der Evakuierungsbereich verkleinert. In mehreren Orten soll das Aufenthaltsverbot aufgehoben werden, sobald Schulen und andere öffentliche Einrichtungen ausreichend gereinigt wurden und die Infrastruktur wiederhergestellt ist.

Exkurs zu Sievert und Becquerel

Radioaktivität ist messbar. Das ist – neben den medizinischen Einsatzmöglichkeiten – wohl die einzige wirklich positive Eigenschaft dieses Phänomens. Ganz elementar lassen sich Einzelereignisse erkennen und zählen. Das Ergebnis, die Kernzerfallsereignisse pro Sekunde, wird in Becquerel (Bq) angegeben. Wer sich nicht für nüchterne Zerfallsraten interessiert sondern wissen möchte, welche Auswirkungen die Zerfälle auf Mensch und Tier haben, misst stattdessen die Dosisleistung. Diese sagt aus, welche Energie von einem Kilogramm Körpergewicht pro Sekunde aufgenommen wird. Die Einheit lautet Joule pro Kilogramm und pro Sekunde oder Gray/Sekunde (Gy/s). Da es bezüglich der biologischen Wirkung darauf ankommt, welche Art von Zerfall die Energiedosis in den Körper gebracht hat, wird diese Zusatzinformation mit verrechnet und die auf diese Art bewertete Dosisleistung mit Sievert pro Sekunde (Sv/s) angegeben. Bei 134Cäsium, das einen Großteil der Strahlung im Umkreis von Fukushima ausmacht, sind die Werte in Gray und Sievert praktisch identisch.

Die Strahlenbelastung in Deutschland (Quelle: Wikipedia; Rechte: gemeinfrei)

Wenn man wissen möchte, was einem persönlich droht, wenn man sich in den Bereich radioaktiver Stoffe begibt, ist die aufgenommene Dosis in Sievert interessant. Ganz ohne sich auf die Frage einzulassen, ob es einen Schwellwert gibt, ab dem Radioaktivität für den menschlichen Organismus nachweisbar negative Folgen hat und wo dieser dann liegt, ist die aus natürlichen Quellen aufgenommene Dosis ein objektiver Vergleichswert. Dieser beträgt in Deutschland ca. 2 mSv pro Jahr, entsprechend ca. 0,2 µSv pro Stunde. In Österreich sind es ca. 50% mehr, also etwa 0,3 µSv/h. Hinzu kommen durchschnittlich 2 mSv/a aus medizinischen Anwendungen und anderen zivilisatorischen Einwirkungen, etwa Flugreisen.

Daten aus der Evakuierungszone

Diese Werte sind nützlich, wenn man sie mit den Daten aus den japanischen Ortschaften vergleicht. In der Stadt Fukushima selbst sind aktuelle Messwerte unter 0,2 µSv/h dokumentiert. Ebenfalls um die 0,2 µSv/h werden zum Beispiel für die Orte Tamura, Kawauchi und Minamisoma genannt, in denen die Evakuierung gelockert werden soll. Andere Orte, besonders solche, die näher am beschädigten Kraftwerk gelegen sind, weisen Messwerte von einigen µSv/h auf. Mehr als 20µSv/h sind außerhalb des Kraftwerksgeländes selbst nicht dokumentiert, wie zum Beispiel in Futaba, im Zentrum der Evakuierungszone. Hier hatte allerdings bereits der Tsunami ca. 90% der Häuser zerstört.

Zum Vergleich: in Deutschland gilt eine bei einem Kernunfall zu erwartende Strahlenbelastung von 100 mSv/a (=10 µSv/h) als Richtwert für eine längerfristige Umsiedlung. In Japan geht man offenbar vergleichbar oder sogar noch etwas vorsichtiger vor.

Zwei Güterzüge pro Tag

Das bisher Geschriebene betrifft die Auswirkungen der Kernenergie im Falle einer Katastrophe, genauer im Falle eines Super-GAU, denn um den hat es sich in Fukushima gehandelt: einen auslegungsüberschreitenden Störfall. Im Normalbetrieb – und der galt bis auf erheblich kleinere Zwischenfälle als das Unglück in Japan in Deutschland und anderen Ländern seit den späten 60ern – haben wir es mit einem Verfahren zu tun, das aus jährlich ca. 30 Tonnen Kernbrennstoff dieselbe Menge an Energie erzeugt (1.000 MW Leistung) wie ein Steinkohlekraftwerk mit jährlich 3.000.000 Tonnen Rohstoffeinsatz (siehe: Plandaten für Staudinger Block 6). Das sind etwa 8.200 Tonnen pro Tag, also fünf große Güterwagen voll Kohle pro Stunde oder zwei lange Güterzüge pro Tag. Bei Braunkohle anstatt Steinkohle darf man diese Zahlen noch mit drei multiplizieren.

Allein diese Zahlen zeigen, welch ein Irrsinn die heute praktizierte Kohleverstromung darstellt. Ein langfristig nutzbares (oder „nachhaltiges“) Konzept sieht anders aus. Auch bei anderen Parametern steht die Kohleverstromung schlecht da. Steinkohle, die in deutschen Kraftwerken verbrannt wird, stammt zu einem großen Teil aus Russland und Kolumbien. In beiden Ländern werden immer wieder schwere Unglücke mit vielen Todesopfern gemeldet. Die Recherchen der Wikipedia-Autoren nennen in den letzten zehn Jahren ca. 500. Im chinesischen Kohlebergbau geht man von erheblich höheren Opferzahlen aus, die bei etwa zwei Toten pro einer Million geförderter Tonnen liegen sollen.

Uran in der Flugasche

Die nächste offene Frage um die Kohle betrifft die Auswirkungen der Stoffe, die mit dem Rauch in die Umwelt gelangen. Die Tatsache, dass bei einem Uran- und Thoriumgehalt in der Kohle von einigen ppm (parts per million) in ein herkömmliches Steinkohlekraftwerk pro Jahr mit der Kohle zirka zehn Tonnen Uran und Thorium antransportiert werden, ist gesundheitlich eher unbedenklich. Auch wird nur ein Bruchteil davon über den Schornstein über die benachbarten Grundstücke verteilt. Interessanter ist die Frage, was mit dem Filtergut passiert, in dem sich große Mengen dieser Materialien ansammeln.

In der Flugasche reichern sich die Spurenelemente wie Uran und Thorium, aber auch Quecksilber, Cadmium und sogar Radium (als ständiger Begleiter des Urans) an. Und wo wird die Asche deponiert? „Flugasche findet als Hauptbestandteil im Zement und als Zusatzstoff im Beton Verwendung.“, so die HeidelbergCement auf Ihrer Webpräsenz. Dies ist genauso üblich wie der Einsatz beim Straßen- und Gartenbau.

Natürlich haben die zuständigen Behörden dies im Blick, und man sollte nicht übermäßig alarmiert sein. Offenbar ist man aber im Zusammenhang mit der Kohleverstromung mit der Eigenschaft „Radioaktivität“ lange nicht so kleinlich, wie bei Kernkraftwerken.

Abluft von Kohle- und Kernkraftwerken

Die Abluft von Kernkraftwerken wird sehr genau überwacht. So entweichen aus dem Abluftkanal des Kraftwerks Unterweser jährlich Aerosole mit einer Gesamtaktivität zwischen 10^5 und 10^6 Bq (2008), zuzüglich Edelgase mit ca. 10^12 bis 10^13 Bq und 131Jod mit ca. 10^5 Bq pro Jahr. Die Auswirkungen auf Menschen werden im ungünstigsten Fall mit 0,2 µSv pro Jahr (in anderen Kraftwerken in Niedersachsen bis 0,6 µSv/a) beziffert.

Gefährlicher als Biblis? Das Kohlekraftwekr Staudinger Großkrotzenburg bei Hanau (Bild: Dmitry A. Mottl; Quelle: Wikipedia; Rechte: CC-Lizenz)

Bei Kohlekraftwerken gibt es eine solche Überwachung überhaupt gar nicht. Aus den Analysen der Kohle und der Wirksamkeit der Filter lässt sich berechnen, welche Mengen radioaktiver Substanzen in die Abluft geraten und somit abschätzen, welche Dosisleistungen für den Menschen zu erwarten sind. Der ungünstigste Fall wird in einer UN-Studie für die Anlieger von Kohlekraftwerken mit 100 µSv/a beziffert, typisch wären hier 1-10 µSV/a.

Die gesundheitlichen Auswirkungen solcher Dosisleistungen sind nicht nachweisbar und sollten vernünftigerweise auch bei der Diskussion über die möglichen Gefahren solcher Kraftwerke nicht behandelt werden. Wer aber wegen des unheimlichen Charakters Angst vor jedweder Radioaktivität hat, sollte eher von Hanau nach Biblis umziehen.

Mystifizieren der Gefahren

Was sagt uns das nun? Solange ein Kernkraftwerk funktioniert, stellt es für die Umwelt eine geringere messbare Gefahr dar, als ein Kohlekraftwerk gleicher Leistung. Es wird sehr wenig Brennstoff benötigt, wodurch die Abhängigkeit von politisch instabilen Lieferländern erheblich geringer ist als bei der Steinkohle. Preiserhöhungen der Rohstoffe wirken sich vergleichsweise gering aus, die Wertschöpfung findet größtenteils im Inland statt.

Im Katastrophenfall sind erhebliche Schäden und finanzielle Verluste zu erwarten. Doch selbst bei der Dreifach-Katastrophe in Japan, erschwert durch einen Tsunami, blieb das Angstszenario aus. Die Toten der Kohleförderung in Kolumbien sind hingegen real.

Die Gefahren der Kernenergie zu leugnen, wäre ein Fehler, sie zu mystifizieren ist es ebenso. Die Mystifizierung der Gefahren der Kernenergie voranzutreiben, ist noch etwas anderes, nämlich Populismus. Dort die Gefahr – hier der mutige Retter. Wir erleben das Gegenteil der Atomeuphorie des 20. Jahrhunderts, als man mit Radium versetztes Wasser als Lifestyle-Getränk verehrte. Heute werden Jodtabletten gekauft und Energiewenden ausgerufen.

Geheimwaffen

Als Fortsetzung dieser Reihe ist es geplant, die Umweltauswirkungen der Nutzung von Wind-, Sonnen- und Biomassenenergie zu behandeln. Dabei wird es etwas ruhiger und voraussichtlich sehr strahlungsarm zugehen. Auch die „Geheimwaffen“ der Energieerzeugung sollen noch behandelt werden. Diese können leicht den vorzeitigen Schlusspunkt in Diskussionen zur Energieversorgung bilden, da sie utopisch schöne Bilder endloser und sicherer Kraftwerke erscheinen lassen. Ob oder inwiefern die dafür benötigten Technologiesprünge wirklich unmittelbar bevorstehen, lohnt es sich, unter die Lupe zu nehmen. Dabei geht es dann etwa um Kernkraftwerke der dritten und vierten Generation, Transmutation, die ewige Kernfusion aber auch um Wirkungsgradreserven bei fossilen Kraftwerken (Kohle, Öl, Gas), Algenkraftwerke, Brennstoffzellen und besondere Energiespeichersysteme.

Teil der Serie: Grundkurs Energiewende

Artikelbild: Das Atomkraftwerk Grohnde in Niedersachsen (Bild: Heinz-Josef Lücking; Quelle: Wikipedia; Rechte: Siehe Link)

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Thomas Frieling

Für den Physiker ist klar: Demokratie ist keine exakte Wissenschaft, und Politik ist es ebensowenig. Tagesaktuelle Themen und solche, die immer wieder für Aufmerksamkeit sorgen, stellt er - in blu-News als der Blaue Doc - aus unüblichen Blickwinkeln dar, manchmal eher nüchtern, manchmal satirisch aber niemals nur aus Spaß.

(8) Readers Comments

  1. Schöner Artikel! Meine Einstellung: Ich halte den Verzicht auf Kernenergie prinzipiell nicht für falsch, sehr wohl aber die Art und Weise des Ausstiegs, bzw. vor allem die Geschwindigkeit. Die Gründe dafür liegen ja auch auf der Hand.

    Der Grund für die prinziepielle Verzichtbereitschaft dagegen ist, dass ich nicht alle drei Problembereiche bzgl. der Kernkraft entkräften kann:

    1. Die innere Sicherheit, also wie groß ist die Gefahr des Auslegungsstörfalls und welches Restrisiko besteht, dass die dafür eben ausgelegten, redundanten Sicherheitssysteme doch versagen?

    Das kann man – wenn man wissenschaftlich und unaufgeregt herangeht – vernachlässigen: So etwas wie in Tschernobyl kann in deutschen Reaktoren aufgrund der anderen Technik schon physikalisch nicht passieren. Der vergleichsstörfall für westliche Anlagen bleibt somit Three Mile Island und hier hielt das Containment der Wasserstoffexplosion wie vorgesehen stand. Selbst wenn die freigesetzte Radioaktivität in einem solchen Fall problematische Ausmaße annimmt ist das zwar schlimm, aber – wie der Autor ja auch darlegt – nicht schlimmer als irgendein mittlerer Chemieunfall. Und die Chemie schaffen wir ja auch nicht ab.
    Es ist außerdem viel zu wenigen Menschen möglich, solche Störfallemissionen ins Verhältnis zur natürlichen Strahlung zu setzen. Der Artikel nennt ja einige nette Fakten. Mir fällt noch die Radon-Problematik in unbelüfteten Kellern ein. Und wie war das? Wer als Deutscher wegen Fukushima aus Tokio flüchtete setzte sich auf dem Interkontinentalflug mehr Höhenstrahlung aus, als er Sievert in der Stadt abbekommen hätte…
    a propos Fukushima, das KKW dort hatte kein solches Containment wie Harrisburg oder die deutschen Anlagen!

    2. Die äußere Sicherheit: Stichwort Naturkatastrophen, Flugzeugabstürze etc.

    Gut, zugegeben, ein Erdbeben könnte auch ein vorhandenes Containment natürlich so stark schädigen, dass es seine Aufgabe nicht erfüllen kann. Doch ein solches Szenario gehört nicht mehr in den Bereich innere Sicherheit, sondern zur Äußeren.
    Und da fehlt folglich trotz Containment auch deutschen Kernkraftwerken ausreichend sicherer Schutz. Zwar besteht die Gefahr eines Tsunamis oder auch nur eines schweren Bebens bei uns nicht, ein irgendwie gearteter Unfall von außen (Flugzeug, kriegerische Handlung, Meteorit ;)) bleibt aber im unsympathischen Bereich des Restrisikos möglich.
    Allerdings: Das Problem wäre für zukünftige Anlagen vemeidbar durch die Verfrachtung des Reaktors unter die Erde.

    3. Die Endlagerproblematik

    Auch hier gilt (Stand jetzt): hoch unsympathisch, da der Müll wiederum für meine Meteoriten leicht erreichbar ;) in oberirdischen Hallen lagert und, wie man oft hört, noch Jahrtausende strahlt, sobald wir ihn dann endlich mal vergraben.
    Dazu zwei Gedanken: Zum einen spielt die Menge des Mülls somit keine Rolle, denn ob es den militantesten Atomgegener gefällt oder nicht, Müll haben wir jetzt schon, eine Tonne mehr oder weniger macht den Hasen auch nicht fett. Diesbezüglich ist ein überhasteter Ausstieg also unnötig.
    Und zum andern: Mich stört die dahinterstehende kleingeistige Annahme, die Menschheit wäre in tausenden von Jahren noch auf dem selben technologischen Stand wie heute. Ich bin sicher man wird schon bald über Methoden verfügen, die radioaktiven Abfallprodukte weiter zu prozessieren, Stichwort eben Transmutation.
    Schon heute könnten wir durch die (politisch nicht gewollte) Wiederaufbereitung Uran und vor allem Plutonium immerhin zu einem größeren Anteil aus den Brennstäben verbrauchen…

    Fazit: Ich hätte (unabhängig von Fukushima) die drei, vier Siedewasserreaktoren vom Netz genommen, aber den Rest solange weiterbetrieben, wie es ein wirtschaftlich verantwortungsvoller Ausstieg erfordert. Und ich bin einer Wiederaufnahme der Kernkraft mit inhärent sicheren, unterirdischen Reaktoren in ferner Zukunft (falls denn nötig) ideologisch sicher nicht verschlossen.

    Vielleicht liefert der dritte Grundkurs ja eine Antwort zu dem “falls denn nötig”. Ich bin auf die Einschätzungen gespannt.

  2. Im Artikel heißt es:
    “Das Ergebnis, die Kernzerfallsereignisse pro Sekunde, wird in Becquerel (Bq) angegeben. ”
    Danach:
    “Die Abluft von Kernkraftwerken wird sehr genau überwacht. So entweichen aus dem Abluftkanal des Kraftwerks Unterweser zwischen 105 und 106 Bq in Aerosolen pro Jahr […].”
    Was denn nun? Gibt die Einheit Bq die Zerfallsereignisse an oder die Zerfallsleistung? Im letzteren Falle müsste eine Jahreszerfallsmenge also Bq * a sein. Sorry für die Kleinlichkeit, aber es regt mich auch jedes Mal auf, wenn Politiker von der “Energiewende” schwafeln, aber dann erzählen ihre Glühbirne verbrauche 100 Watt im Jahr. Das ist so, als wenn ich sage, dass mein Auto im Jahr 100 km/h fährt.

    Ansonsten guter Artikel, auch wenn das Entsorgungsargument meiner Meinung nach deutlich schwerer wiegt als das paranoid anmutende der Angst vor dem Strahlentod und daher verdient nicht einfach so übersprungen zu werden.

  3. Sie haben mit Ihrem Einwand vollkommen recht. Es geht um die jährlich freigesetze Stoffmenge mit einer Gesamtaktivität wie angegeben. Daß die verlinkte Quelle – das niedersächsische Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz – selbst von Bq/Jahr spricht, ist keine gute Entschuldigung, denn wer bei den Begriffen nicht präzise bleibt, kann auch keine brauchbaren Aussagen daraus ableiten.

    Die Entsorgung spielt sicher für die Praxis eine große Rolle, und über einen gut recherchierten Artikel über dieses Thema würde ich mich freuen – vielleicht mache ich mir auch noch die Mühe. Was die Energiewende so explosiv eingeleitet hat, war aber am Ende nicht die Asse oder der Castor. Es war die Wolke von Fukushima.

  4. Das stimmt natürlich, eine sachliche Abwägung der Risiken hat es nicht gegeben. Die “Energiewende” war opportunistisch und einer aufgeklärten Gesellschaft unwürdig, egal wie man zum Thema Kernkraft steht.

    Ich meine, dass der Hauptgrund, warum die Panikmache der Parteien und der Medien auf so fruchtbaren Boden fällt, die mangelnde physikalische Grundbildung ist. Wenn klar wird, dass die böse Strahlung (meist wird ja Gammastrahlung gemeint) auch nichts anderes als Licht mit einer anderen Wellenlänge ist, verliert sie gleich ihren gespensterhaften Charakter.

    Stattdessen werden die Curricula immer weiter ins Soziale gerückt, Technik ist Hybris, Innovation gefährlich, Wissenschaftler verantwortungslos.
    Ich weiß wovon ich spreche, habe gerade mein Abitur in NRW geschrieben, übrigens mit zuletzt lediglich einer 3 im Physik-Grundkurs (war zu kritisch, LK gab es nicht, stattdessen aber einen in “Erziehungswissenschaften” und Religion).

  5. Na dann alles Gute! Mein NRW-Abitur ist schon etwas länger her. Einen Pädagogik-Leistungskurs gab es bereits 1983, aber immerhin auch Physik und Mathematik. Und sogar Latein.

  6. Als ich Fukuschima zum erstenmal im Fernsehen sah, haben sich mir alle Haare gesträubt. Schon wieder – wie bei Tschernobyl – kein sicheres Kontainment, das man ja an der bei uns typischen Kuppel von Kernkraftwerken erkennen kann. Prompt ist dann das Gebäude auch schon bei der ersten Wasserstoffexplosion in die Luft geflogen.

    Was mich interessieren würde ist ein Vergleich mit Harrisburg (1979 glaube ich). Da gab es auch Kernschmelze, aber das Kontainment hat meines Wissens gehalten.

    Zur allgemeinen Energiewende: Bei der Herstellung von Photovoltaik Zellen werden meines Wissens Giftgase verwendet, die im 1.Weltkrieg als Kampfgase eingesetzt wurden bzw. werden sollten. Diese Info ist zwar schon etwas älter, aber ich glaube, das gilt noch immer. Energiewende-Fanatiker kann man mit dieser Info ganz schön erschrecken. Das mit der minimalen Pipifax-Stromerzeugung von Photovoltaik – im Vergleich zum Energieverbrauch bei der Herstellung – kapieren die meisten sowieso nicht.

  7. Das Problem des strahlenden Abfalls…
    In meiner Kindheitserinnerung sind Bilder von Demonstrationen in einem Ort, der Wackerdorf heißt, das muß Mitte der 80er gewesen sein (habe jetzt keine Lust zu googlen, aber 1985 dürfte es treffen). Dort sollte eine WAA entstehen, die das Problem der Endlagerung zwar nicht vollständig gelöst, aber zumindestens einen Teil des Materials wieder nutzbar gemacht hätte. Dagegen wurde damals schon genau so protestiert wie gegen S21 oder PRO-NRW.
    Zudem erinnere ich mich daran, daß es in Hanau eine Nuklearindustrie gab (Nukem, Alkem, Transnuklear), in der auch weiter geforscht wurde. Nuklaerforschung in Deutschland findet meines Wissen nur noch in einem sehr geringen Umfang statt, politisch ist dies nicht mehr gewollt.
    Wenn es um Fortschritt geht, wird dagegen protestiert, obwohl die schweigende Mehrheit zustimmt (S21 z.B.)
    Wir brauchen endlich Volksabstimmungen!!!
    Die PDV, DF und PRO-NRW u.a. setzen sich dafür ein. So lange aber die hirntote Masse lieber weiter DSDS, Bundesliga und Talkshows konsumiert und Minderheitsmeinungen als extremistisch abgetan werden, wird die BundesEinheitsblockpartei weiter gewählt werden. Dann gibt es bei Nebel und Windstille zwar keinen Strom mehr, aber Hauptsache, man ist kein “Extremist”.
    Einen Vorteil hat die Sache: der Letzte braucht die politisch korrekte Energiesparlampe nicht mehr abzuschalten. Es ist ohnehin kein Strom mehr da.

  8. Hallo Kritiker
    Es gibt da ein paar neue Parteien, die sich sehr wohl um die Wahrheit bemühen.
    Einfach mal unter AfD nachkucken. Dort wird ihnen geholfen. ;-D

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