Außenpolitik News — 24 April 2012

Ägyptischer Präsidentschafts-Wahlkampf im Zeichen des Islamismus

Das Wahrzeichen Ägyptens: Die Pyramieden von Gizeh (Bild: Ricardo Liberato; Quelle: Wikipedia; Rechte: Siehe unten)

In einem Monat stehen in Ägypten die ersten Präsidentschaftswahlen an. Von deutschen Medien beinahe unbeachtet deutet sich auch im Kampf ums Präsidentenamt ein Sieg der Muslimbruderschaft an. Wie die New York Times berichtet, entwickeln sich zwei Vertreter der islamistischen Organisation, der radikale Hardliner Mohamed Morsi und der etwas liberale Abdel Moneim Aboul Fotouh zu den aussichtsreichsten Kandidaten. Insbesondere Zitate von Mohamed Morsi lassen nichts Gutes für die Zukunft des Landes hoffen.

“Islam ist die Lösung” – so lautet der Slogan der Muslimbruderschaft in Ägypten. Und mit diesem Motto schaffte es die Organisation, bei den ersten freien Wahlen im Land am Nil stärkste politische Kraft zu werden. Dementsprechend ist davon auszugehen, dass aus ihren Reihen auch das erste ägyptische Staatsoberhaupt nach Hosni Mubarak stammen wird.

“Der Koran ist unsere Verfassung und die Scharia unsere Anleitung”

Die Position ist durchaus von großer strategischer Bedeutung. Der neue ägyptische Präsident wird die Zukunft des Landes maßgeblich beeinflussen, da er die Entwicklung einer neuen Verfassung leiten wird, in wichtige Personalentscheidungen beim Militär eingebunden ist und eine erste außenpolitische Ausrichtung vornehmen wird, insbesondere mit Blick auf das Verhältnis zum Westen und Israel.

Gerade die Israelis dürften mit großen Sorgenfalten auf die Entwicklungen im Land am Nil blicken. Ein aussichtsreicher Anwärter auf das Präsidentenamt ist der radikale Hardliner Mohamed Morsi. Morsi ist Anführer der Partei der Muslimbruderschaft und plädiert offen für die Entwicklung Ągyptens zu einem islamischen Gottesstaat. “Der Koran ist unsere Verfassung und die Scharia unsere Anleitung”, skandierten Morsi und seine Anhänger bei einer Wahlkampfveranstaltung.

“Mörder und Vampire”

“Das ist die alte ‘Islam-ist-die-Lösung’-Plattform”, so Morsi in einem TV-Interview. Der Islam sei entwickelt worden, damit Gott die Gesellschaft damit beglücken könne. Dementsprechend forderte Morsi in der Vergangenheit beispielsweise, dass es Frauen und Nicht-Muslimen verboten werden solle, für das Präsidentschaftsamt zu kandidieren, so wie es die Scharia fordere. Gleichwohl plädierte Morsi für die Einführung eines Rates islamischer Gelehrter, der das Parlament beraten solle. Über Israel äußerte sich Morsi wiederholt in bester Ahmadinedschad-Manier, bezeichnete die Bürger Israels beispielsweise als “Mörder und Vampire”.

Etwas gemäßigter erscheint dagegen Morsis Konkurrent im Kampf um das Amt, Abdel Moneim Aboul Fotouh, den die Muslimbruderschaft im vergangenen Juni verstoßen hat. Grund war sein pluralistischer Ansatz mit Blick auf den Islam und Ägyptens Zukunft. So könnte die Debatte über die Rolle des Islams zum entscheidenden Wahlkampftema werden.

Beleidigung des Islams

Während Aboul Fotouh jedoch nicht mehr auf Rückendeckung durch die Bruderschaft zählen kann, richtet sich Morsi offensichtlich zunehmend auch an die Salafisten im Land, deren Wähler zum entscheidenden Faktor werden könnten. “Manche wollen unseren Marsch in eine islamische Zukunft, in der die Gnade von Gottes Gesetz implementiert ist und ein redliches Leben für alle ermöglicht, verhindern”, sagte Morsi auf einer Wahlkampfveranstaltung in einer Stadt im Nil-Delta. Und weiter: “Unsere salafistischen Brüder, wir, die islamische Gruppe, sind vereint in unseren Zielen und unserer islamischen Vision. Die islamische Front muss zusammen halten so dass wir diese Vision umsetzen können”.

Morsi, der immerhin 1982 einen Doktortitel in Ingenieurwissenschaften an der University of Southern California erlang, war die letzten zehn Jahre als Sprecher des politischen Arms der Bruderschaft tätig. Als solcher führte er beispielsweise einen Boykott gegen eine ägpytische Mobilfunkfirma an, weil deren Gründer, Naguib Sawiris,  ein koptischer Christ, über Twitter ein Bild verbreitet hatte, das Micky Mouse mit Bart und Minnie Mouse mit Ganzkörperschleier zeigte. Ein Witz, den Morsi als Beleidigung des Islams auffasste.

Nach wie vor hohes Ansehen

Als die Muslimbruderschaft im Jahr 2007 versuchte, unter Mubaraks Herrschaft eine politische Partei aufzubauen, war Morsi an der Entwicklung einer theoretischen Plattform beteiligt. Ein Entwurf forderte die Beschränkung des Präsidentenamts auf einen muslimischen Mann. “Der Staat, den wir anstreben, kann niemals von einem Nicht-Muslimen angeführt werden”, erklärte Morsi seinerzeit in einer Stellungnahme auf der Internetseite der Bruderschaft. Dennoch teilte Mosri in dem Text mit, dass die Bruderschaft sowohl eine tolerante, konstitutionelle Demokratie anstrebe, wie auch einen ausdrücklich islamischen Staat. Was zumindest auf Basis eines westlichen “Toleranz”-Verständnisses ein ausgesprochener Widerspruch ist. Doch nach Morsis Empfinden könne ein Staat, zu dessen obersten Prioritäten das Verteidigen und Ausweiten der Religion Allahs zähle, benötige der Präsident Eigenschaften und Stärken, “die von einem Nicht-Muslimen nicht erfüllt werden können”.

Morsis Kontrahent Aboul Fotouh kommt indes zugute, dass er bei Islamisten im Land nach wie vor hohes Ansehen genießt. Dies geht vor allem auf Aboul Fotouhs Vita zurück. Während Morsi in den USA studierte, gründete Aboul Fotouh beispielsweise eine islamistische Studentenbewegung.

“Gnade und Gerechtigkeit”

Bei einer Wahlkampfveranstaltung in einem armen Kairoer Vorort mit tausenden Teilnehmern wies Aboul Fotouh Fragen zum islamischen Gesetz zurück. Ägypten sei seit 15 Jahrhunderten stolz auf seine arabische und islamische Identität, so der Kandidat. “Warten wir auf ein Parlament, das uns konvertiert?” Darüber hinaus dürfe das islamische Gesetz nicht nur auf Strafen und Restriktionen beschränkt werden, sondern bedeute umfassende “Gnade und Gerechtigkeit”.

Mit seinem etwas liberalen Islam-Verständnis könnte Aboul Fotouh tatsächlich für die Mehrheit der Ägpyter sprechen, während Morsi von Beobachtern selbst innerhalb der Muslimbruderschaft einem rechten Flügel zugeordnet wird. Ungeachtet dessen dürfte es jedoch schwer für Aboul Fotouh werden, das Amt ohne die Unterstützung der Bruderschaft zu erringen. Morsi scheint derweil auf genau diese Karte zu setzen. Aboul Fotouh habe seine eigene Vertreibung aus der Bruderschaft selbst zu verantworten, da er sich trotzig gegen die Bewegung gestellt habe, so Morsi in einem Interview. Und weiter: Wenn ein Mitglied aus der Bruderschaft ausscheide, “tadeln wir ihn nicht, wir bemittleiden ihn”. (ME)

Artikelbild: Die Pyramieden von Gizeh (Bild: Ricardo Liberato; Quelle: Wikipedia; Rechte: Siehe Link)

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(2) Readers Comments

  1. “Morsi, der immerhin 1982 einen Doktortitel in Ingenieurwissenschaften an der University of Southern California erlang,”

    Das ist typisch, die ganzen Radikalen und Selbstmordattentäter sind meistens technisch gebildete Leute, “technische Intelligenz” hätte man in der Sowjetunion gesagt. – Geisteswissenschaftler, Sprachwissenschaftler, Historiker usw. findet man nur sehr selten unter ihnen.

    Warum ist das so? Zwei Möglichkeiten:

    (1) Wer aus einem islamischen Land heraus in den Westen geschickt wird, studiert etwas Technisches, weil die Eltern nur darin einen Wert erblicken, nur DAS als den Vorteil des Westens sehen, und andere Studien KENNEN sie vermutlich gar nicht, begreifen sie auch nicht.

    (2) Wer Geisteswissenschaften studiert hat, ist wesentlich immuner gegen einen plumpen Umgang mit Sprache, Worten, Schrift, Geschichte – und einen solchen plumpen Umgang braucht man natürlich, um ein religiöser Fanatiker zu sein.

    Vermutlich trifft beides zu.

    PS: Ich wette darauf, dass die Stürzenberger-Fans, die ganz fest daran glauben, dass Mohammed exakt so gewesen sein muss wie es die traditionellen Texte sagen, und die zugleich daran glauben, dass es Mohammed gar nicht gab, ebenfalls eher selten Historiker, Sprachwissenschaftler und dergleichen sind. Ausnahmen bestätigen die Regel.

  2. Technische Studien bringen vor allem mehr Geld ein als Geisteswissenchafltiche.
    Das ist auch dem letzten Bauer genauso klar wie der Wert von Währungen. Es wird ja auch hier und sicher auch dort in den Medien propagiert, daß es immer einen Mangel an technischen Absolventen gibt. Das gleiche gilt sicher für Studienberatungen.
    Praktisch dabei ist auch noch, daß es bei vielen technischen Studiengängen keinen NC gibt.

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