Hintergründe Interview Titel — 21 März 2012

Terror in Frankreich: Interview mit der israelischen Psychoanalytikerin und Expertin für islamischen Terrorismus Nancy Hartevelt Kobrin

RAID-Spezialeinheiten in Toulouse (Bild: Screenshot des n-tv Livestream)

In der südfranzösischen Stadt Toulouse belagern RAID-Spezialeinheiten der Polizei das Haus des mutmaßlichen Mörders von sieben Menschen, darunter drei jüdische Schüler und ein jüdischer Lehrer (blu-News berichtet mit Updates). Nachdem zuerst über einen rechtsradikalen Hintergrund des mutmaßlichen Täters spekuliert wurde, stellte sich nun heraus, dass der 24-jährige Mohammed wahrscheinlich Kontakt zu islamistischen Kreisen hatte. Für blu-News sprach Felix Strüning mit der israelischen Psychoanalytikerin und Spezialistin für islamischen Terrorismus, Nancy Hartevelt Kobrin (Englisches Original bei Citizen Times).

blu-News: Frau Hartevelt Kobrin, heute morgen wurden die vier jüdischen Opfer des Todesschützen von Toulouse nach Israel überstellt und dort beerdigt. Wie ist die Stimmung vor Ort?

Nancy Hartevelt Kobrin

Nancy Hartevelt Kobrin: Die Stimmung ist sehr düster. Es kamen sehr viele Menschen zur Beerdigung in Jerusalem. Ich glaube besonders hart hat es die sephardische Gemeinde aus Nordafrika getroffen. Sephardische Juden haben seit Jahrhunderten zwischen den nordafrikanischen Muslimen gelebt und viele von ihnen wanderten wegen der vor mehreren Generationen ausbrechenden Gewalt nach Frankreich aus. Jetzt müssen französische Juden, von denen viele sephardisch sind, noch einmal nach Israel auswandern, weil sich die Sicherheitslage in Frankreich sehr verschlechtert hat.

Leider hat es mich nicht überrascht, dass diese Tragödie passiert ist. Ich habe einen solchen Angriff schon lange befürchtet, vor allem in Amerika, wo jüdische Schulen, Sommerlager und Institutionen besonders angreifbar sind.

Wird diese Mordserie zu diplomatischen Verstimmungen zwischen Israel und Frankreich führen?

Nancy Hartevelt Kobrin: Gewissermaßen wurde das psychologische Band dadurch eher verstärkt, ist es doch ein großer Schock für die Franzosen, dass dies auf ihrem Boden passieren konnte. Das macht es ihnen vielleicht ein bisschen einfacher, die Situation Israels zu verstehen. Ich weiß nicht, ob sich die diplomatischen Beziehungen dadurch ändern werden. Bedenken Sie, dass Präsident Sarkozy eine große Rolle bei der Freilassung Gilad Schalits als Noam spielte. Sein Vater hat die doppelte Staatsbürgerschaft. Doch während es also Spannungen zwischen Netanjahu und Sarkozy gab, muss trotzdem noch eine tragfähige Arbeitsbeziehung vorhanden sein.

Gab es in Israel Befürchtungen eines zweiten, antijüdischen Anders Breivik?

Nancy Hartevelt Kobrin: Allgemein gab es hier keine Angst vor einer Neonazi-Attacke. Ich würde sogar sagen, dass sich die Israels zwar auf die Zunge bissen, als es hieß, der Mörder sei ein Neonazi, dass die meisten es aber nicht glaubten und nur darauf warteten, bis die andere Wahrheit ans Licht kam, soll heißen: ein islamistischer Anschlag. Nach all dem muss man sagen, dass die Israelis schon vor den Anschlägen in Indien und Thailand erfahren mussten, dass sie verletzlich sind. Ich musste sofort an den Beltway Scharfschützen und die Serienmorde vom Oktober 2002 denken, obwohl die damals nicht speziell auf Juden abzielten.

Mittlerweile geht man davon aus, dass der mutmaßliche Mörder in Toulouse ein Muslim ist und Kontakte zu al-Qaida hatte. Ändert diese Information etwas an der Perspektive Israels?

Nancy Hartevelt Kobrin: Israelis sind so an islamischen Terrorismus gewöhnt, dass das Leben schnell weitergeht. Zum Beispiel wurde letzte Woche in Jerusalem eine junge israelische Soldatin von einem Palästinenser kaltblütig fast zu Tode getreten. Es kam in den Medien und dann machten wir weiter. Auf der anderen Seite gibt es unter Experten große Sorgen darüber, zu welchem Grad al-Qaida auf der Sinai-Halbinsel operiert, in West-Bank, dem Gaza-Streifen und ich vermute sogar, dass es eine oder sogar zwei Terrorzellen innerhalb Israels gibt. Aber ich kann das natürlich nicht bestätigen. Israel ist eine Nation wie jede andere und al-Qaida ist schnell und geschickt bei der Infiltration. Wenn also außerhalb Israels Terroranschläge passieren, erhöht sich auch hier die Alarmbereitschaft.

Wie sehen Sie generell die Situation als Spezialistin für islamischen Terrorismus?

Nancy Hartevelt Kobrin: Ich bin sehr traurig über diese sinnlosen Morde und frustriert angesichts der Menge an Veränderungen, die stattfinden müssen. Das Rechtssystem muss neue Straftatbestände entwickeln, wenn im Namen Gottes oder Allahs getötet wird. Die Medien müssen einen Weg finden, den Hype zu reduzieren, wenn sie über Terroranschläge berichten. Der Hype und die Dramatisierung vergrößern das Problem noch, wenn es so oberflächlich diskutiert wird. Wir müssen viel mehr darüber nachdenken, wie sich spätere islamische Terroristen in ihrer frühen Kindheit entwickelten. Dort liegt der Schlüssel zum Verständnis der unbewussten Dimension gewalttätigen Verhaltens.

Ich mache mir enorme Sorgen, dass die jüdische Kultur ebenfalls entwertet wird, weil Israel und die Juden in der Diaspora durch so viel blutige Gewalt gesättigt wurden. Aggression führt zu Aggression. Jetzt haben wir mehrere Probleme, sowohl der Tag Mehir, der jüdischen Terrorgruppe (Preisschild), als auch der ultra-orthodoxen Männer, die Frauen und kleine Mädchen in Orten wie Beit Shemesh und Jerusalem belästigen.

Aber was können wir tun?

Nancy Hartevelt Kobrin: Nun, diese Art der Gewalt wird zuhause gelernt, etwa im Alter von drei Jahren, ebenso das Bedürfnis zu hassen und einen Feind zu haben. Israel und Frankreich haben große Gruppen von Muslimen. Während die meisten Muslime gutwillig sind, Geld verdienen, ihre Kinder gut anziehen und ausbilden wollen, müssen wir mehr darauf achten, was sie ihren Kindern über Juden beibringen und über das einzigartige Verhältnis der Muslime zu ihren heiligen Texten, dem Koran und dem Judentum. Das ist eine Hauptaufgabe, die wiederholt unter den Tisch gefallen ist. Wir müssen darüber offen und jenseits politischer Korrektheit sprechen. Al-Qaida nimmt seine Ideologien aus diesem biblischen Hass. Während die Ideologien wie ein Korsett für eine sehr fragile Persönlichkeit sind, wird sich nichts ändern, bis die schweigende Mehrheit der Muslime Stellung bezieht und den Terrorismus bekämpft, insbesondere den gegen Israel und die Juden.

Nancy Hartevelt Kobrin ist Autorin des Buches: The Banality of Suicide Terrorism: The Naked Truth About the Psychology of Islamic Suicide Bombing (Rezension bei Citizen Times). Sie lebt und arbeitet in Israel.

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(3) Readers Comments

  1. Pingback: “There was not a fear of a Neo-Nazi attack” | Citizen Times

  2. “Aggression führt zu Aggression.”

    So wie diese Aussage ist das ganze Interview einfältig. Noch einfältiger: … “weil Israel und die Juden in der Diaspora durch so viel blutige Gewalt gesättigt wurden”

  3. http://www.abendblatt.de/politik/ausland/article2227045/Attentaeter-Merah-von-mehr-als-20-Kugeln-getroffen.html

    Paris/Washington. Eine Verbindung zwischen dem mutmaßlichen Attentäter von Toulouse und dem Terrornetzwerk al-qaida sehen die französischen Behörden offenbar nicht. Es gebe keine Belege dafür, dass Mohamed Merah „von organisierten Gruppen oder Dschihadisten trainiert wurde oder Kontakt zu ihnen hatte“, sagte ein mit den Ermittlungen vertrauter Beamter am Freitag in Paris.

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