Frank-Furter Schnauze: Die wahren Lehren aus der Krise
Es ist die größte Lüge dieser Zeit, wenn behauptet wird, die gegenwärtigen Probleme in Deutschland, Europa und dem Westen seien die Schuld von Banken, oder gar der Marktwirtschaft selbst (und „Kapitalismus“ ist nichts anderes als das von Kommunisten etablierte Negativ-Synonym für „Marktwirtschaft“). Diese Aussage ist so unwahr wie die Behauptung, dass die Erde eine Scheibe wäre.
Natürlich gab und gibt es Verfehlungen in der Wirtschaft, insbesondere in Banken. Und es wird sie immer geben. Denn ihre Ursache ist nur allzu menschlich: Habgier, Maßlosigkeit, Ignoranz, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Die klassische Theologie kennt die so genannten „Hauptlaster“ (oft fälschlicherweise als „Todsünden“ bezeichnet), seit der Mönch Euagrios Pontikos Ende des 4. Jahrhunderts eine erste Kategorisierung des „Böse-seins“ vornahm. Mutmaßlich gab es ähnliche Ansätze auch schon eher, viel eher. Wahrscheinlich gibt es sie, seit es Menschen gibt.
Willkommen in der Diktatur!
Und das „Böse-sein“ lässt sich nicht einfach abstellen, sondern nur nach besten Möglichkeiten kontrollieren, reduzieren, eindämmen. In sozialistischen Staatsformen beispielsweise – das beweist die Geschichte zur Genüge – verschwindet das „Böse-Sein“ nicht einfach, nur weil es keine Märkte mehr gibt. Es verlagert sich nur, von der Wirtschaft in die Politik. Und es siedelt sich in seiner schlimmsten Ausprägung nicht zufällig, sondern folgerichtig dort an, wo ihm die größte Macht zur Verfügung steht. Das ist der Grund, warum Gewaltenteilung (besser: Machtkontrolle!) ein so immens wichtiger Bestandteil einer gerechten Gesellschaft ist.
Wer glaubt, das Ende der Marktwirtschaft, gar das Auflösen von Märkten, das Abschaffen von Geld (und was sonst noch so in diesem Zusammenhang an Unfug vorgebracht wird) würde die Gesellschaft besser machen, ist einem fürchterlichen Irrtum aufgesessen. Denn das Gegenteil wäre der Fall. Die Marktwirtschaft verteilt Macht, Sozialismus bündelt sie und setzt die gesamte Bevölkerung der Willkür einer kleinen Gruppe aus. Anders kann er im Übrigen auch gar nicht funktionieren. Das Prinzip der Planwirtschaft setzt schließlich wesenhaft voraus, dass es irgendjemanden gibt, der „plant“. Willkommen in der Diktatur!
Ein Beispiel von vielen
Das wesentliche Problem der jüngeren Vergangenheit ist nicht, dass die Märkte außer Kontrolle geraten wären, sondern im Gegenteil: dass die Politik schleichend immer größere Macht auf die Märkte ausübt. Das wiederum führt dazu, dass die finanziell stärksten Marktteilnehmer die Nähe zur Politik suchen. Und umgekehrt. Ist Josef Ackermann wirklich noch ein (Raubtier-)kapitalistischer Marktteilnehmer? Oder nicht in Wirklichkeit längst ein Politiker, der enormen Einfluss auf die Legislative ausübt?
Ackermann ist nur ein Beispiel von vielen. Als die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder in der ersten Hälfte des letzten Jahrzehnts die Strommärkte reformierte, schrieben die großen Energiekonzerne quasi die Blaupausen für heutige Gesetze (siehe die Frontal21-Dokumentation: „Das Kartell –Im Würgegriff der Energiekonzerne“ aus dem Jahr 2007*). Die Folge: große Energieanbieter wie RWE und Eon erfreuten sich jahrelang drastischen Wachstums und sprudelnder Gewinne, zählen mittlerweile zu den Top10-Dax-Konzernen. Nicht, weil der Markt es so „gewollt“ hätte, sondern weil die Politik es so wollte. Beziehungsweise: die handelnden Politiker. Und wie der „Zufall“ es so will, vergoldet sich manch ein Akteur, der seinerzeit im Wirtschaftsministerium die Fäden zog, seine Rente nun im Aufsichtsrat irgendeiner RWE- oder Eon-Tochter.
„Bananenrepublik Deutschland“
Bekanntester Fall: Wolfgang Clement. Ihn zog es nach seiner Zeit als „Superminister“ für Wirtschaft und Arbeit unter anderem in den Aufsichtsrat der RWE-Tochter „RWE Power AG“. Wie gesagt: unter anderem. Denn die Liste der Aufsichtsratsposten ist im Falle eines ehemaligen „Superministers“ freilich super-lang. So findet sich dort auch ein Engagement im Aufsichtsrat der DIS-AG, einer Tochter der Zeitarbeitsfirma Adecco. Dass Clement während seiner Amtszeit für weit reichende Veränderungen der gesetzlichen Bestimmungen zur Arbeitnehmerüberlassung eintrat, und zwar zugunsten der Zeitarbeit, ist sicherlich nur ein weiterer… „Zufall“.
Aufsichtsratsposten. Einmal alle paar Wochen treffen, Cafe trinken und Verträge abnicken. Und dafür gigantische Bezüge kassieren. Manch einer nennt solche Vorgänge eine legalisierte Form von Korruption. Hermann Scheer beispielsweise. Der (leider mittlerweile verstorbene) ehemalige SPD-Bundesvorstand und Energieexperte brachte den gegenwärtigen Zustand der Republik in der bereits genannten Frontal21-Dokumentation wie folgt auf den Punkt: „Bananenrepublik Deutschland“. Dasselbe gilt freilich längst auf Brüsseler Ebene. Und wer sich die Mühe macht, die Personallage im US-Finanzministerium zu sondieren, wird schnell den Eindruck bekommen, er sei in einer Dependance der Großbank Goldman Sachs gelandet. Im Übrigen ganz gleich, ob gerade die Demokraten oder die Republikaner regieren.
„Märkte-an-die-Zügel-legen“
Die Diskussion über die „Krise des Kapitalismus“ kommt diesen Kräften gar noch entgegen. Denn was dem Bürger als „Märkte-an-die-Zügel-legen“ verkauft wird, ist in Wahrheit die Ausdehnung und Konzentration von politischer Macht über die Privatwirtschaft. Die großen Akteure von Adecco bis RWE, von Deutscher Bank bis Goldman Sachs, haben ihre „Deals“ mit der Politik längst gemacht.
Deutschlands mit Abstand größter Medienkonzern Bertelsmann (RTL-Group, Spiegel, Stern, Random House, etc pp) ist sogar noch weiter, diktiert den Politikern Argumente und Strategien, hofiert sie bei Empfängen und versorgt sie – wenn sie denn artig sind – mit wohlwollender Publicity. Welcher Bürger weiß schon, dass beispielsweise die viel-gepriesenen Schröder’schen Arbeitsmarktreformen (Hartz4 und Co.) größtenteils aus der Feder der Bertelsmänner stammen? Wie auch? Woher auch? Wenn niemand darüber berichtet? Weil die, die darüber berichten müssten, selbst darin verwickelt sind?
Es braucht mehr Markt!
Die Agenda 2010 war eine Erfolgsgeschichte, heißt es stattdessen auf allen Kanälen. Genauso wie der Euro. Wen wundert´s? Denn auch von der Währungsreform profitieren fast ausschließlich die großen Konzerne, während der kleine Mann sich fragt, wieso er sich trotz boomender Wirtschaft und sinkender Arbeitslosigkeit immer weniger leisten kann. Nun soll er auch Griechenland retten. Zum zweiten Mal schon. Was hat das mit Kapitalismus zu tun? War es nicht so, dass in der Marktwirtschaft auf die Pleite der Bankrott folgt? Und auf den Bankrott der Neuanfang?
Die Lehre aus den jüngsten Krise und allem, was darauf folgte, lautet nicht, dass es weniger Markt bräuchte, sprich: weniger „Kapitalismus“. Im Gegenteil, es braucht mehr Markt, sprich: mehr Freie Marktwirtschaft! Denn freie Märkte bedeuten, dass die Menschen selbst entscheiden. Und je freier die Märkte sind, umso geringer ist die Macht der Politik und ihrer Vasallen in den Vorständen der großen Konzerne.
Es braucht eine neue rechtsstaatliche Instanz
Eine weitere Lehre lautet: das bisherige Prinzip der Gewaltenteilung ist im Zuge der Globalisierung und infolge des Entstehens großer, mächtiger Konzerne reformbedürftig. Es braucht eine neue rechtsstaatliche Instanz, die der Gewaltenteilung zwischen Markt und Politik verpflichtet ist. Eine Instanz, die sicher stellt, dass wirtschaftliche und politische Macht so weit irgendmöglich voneinander getrennt werden.
Das ist die eigentliche Herausforderung, vor der die westliche Demokratie nun steht. Wer dies nicht erkennt und blind der Argumentation derer folgt, die „Kapitalismuskrise“ rufen (und in Wahrheit „Machtgewinn“ meinen), macht sich ungewollt zum Instrument jener Kräfte, die er eigentlich bekämpfen will, zumindest so lange er zu denen gehört, denen wirklich an einer „besseren Welt“ gelegen ist. Ob links oder rechts tut dabei herzlich wenig zur Sache.
*Die Dokumentation „Das Kartell – Im Würgegriff der Energiekonzerne“ ist mittlerweile „aus rechtlichen Gründen“ aus der ZDF-Mediathek verschwunden. Ansehen kann man den Film jedoch immer noch in fünf Teilen auf Youtube (hier der Link zum ersten Teil). Tatsächlich erscheint dieser Film aus dem Jahr 2007 heute aktueller denn je zuvor.














cicero
Wieder einmal ein sehr, sehr guter Artikel. Zusätzlich zur Gewaltenteilung in Sachen Ökonomie braucht es weitere Gewaltenteilungen: Staat-Kirche (bei uns nicht hinreichend vollzogen) und Staat-Medien. Und dazu ein Kartellamt in Sachen Medienbeherrschung. (Ein Kartellamt in Sachen Glaubensbeherrschung würde eher weniger Sinn machen, denn eine Kirche kann man nicht aufspalten *g* – Aber vielleicht würde eine Vorschrift helfen, dass die Gelder von Kirchen durch demokratisch gewählte Gremien verteilt werden müssen; damit würde man die Lehre nicht angreifen, aber dennoch ein Minimum an Freiheitlichkeit in die Glaubensgemeinschaften hinein bringen; in den Kirchen ist das ja praktisch schon Realität.)
Marco Pino
Vielen Dank. Was das Kartellamt für die Medien angeht, das gibt es ja schon. Der große Witz (über den auch kaum berichtet wurde) war ja, dass das Bundeskartellamt die Fusion von Springer und Sat1 untersagt hat (und das BVG bestätigte die Entscheidung). An für sich eine gute Sache. Stellt sich nur die Frage, warum nichts und niemand in diesem Land je etwas gegen Bertelsmann gesagt oder getan hat, wo Bertelsmann schon jetzt (und seinerzeit, vor einigen Jahren) um ein vielfaches größer und mächtiger ist als das Produkt aus Springer und Sat1. Vor allem, wenn es um politische Meinungsbildung geht. Aber auch absolut, in Umsatzzahlen, Marktanteilen, etc.
Daher meinte ich das mit der Gewaltenteilung im Text auch auf die Medien bezogen, die ja auch Teil der Wirtschaft sind. Es braucht dort irgendeine unabhängige Instanz, die im Sinne des Gemeinwohls diesen widerlichen Filz bekämpft.
MFG
cicero
Ich habe mal gelesen, dass in USA für Medienunternehmen zusätzliche Regeln gelten: Z.B., dass man niemals eine Zeitung und ein Radio zugleich besitzen darf (oder so ähnlich), also nicht nur ökonomische Kartell-Regeln, sondern auch medien-spezifische Kartell-Regeln.
Für die öffentlich-rechtlichen (solange man sie nicht grundsätzlich ändern kann) wäre außerdem eine demokratische Wahl der Verantwortlichen durch die Gebührenzahler anzustreben.
Horst Noll
Das ist bisher der Beste Beitrag aus der Feder der Frank-Furter Schnauze.
Grüße vom Frankfurter Schlappmaul…
Enoch Arden
Das Entscheidende ist: Man muss auch die Härten der Marktwirtschaft zulassen (wie Pleiten), damit die Vorteile zur Geltung kommen können und es im Ergebnis besser läuft als in jeder Planwirtschaft. Aber genau das werden die Deutschen (und Europäer?) nie akzeptieren, sie denken, man könne einen Zustand schaffen, bei dem es immer allen gut geht. Gutmenschen eben. Und jeder Politiker, der offen anspricht, dass zum Funktionieren des Systems auch die Härten gehören, wird zwangsläufig immer die Wahlen verlieren.
mich.emm
Der Text ist wieder mal ganz großes Kino. Macht mal die Spendenfunktion auf! Langsam möchte ich mich für den guten Lesestoff mal erkenntlich zeigen!
Walter von L.
Ein wirklich hervorragender Artikel, selbst unter guten noch einer der besten. Ich habe mir soeben diesen Film auf Youtube angeschaut. Ich kannte den noch nicht und bin entsetzt. Am allermeisten entsetzt bin ich ob des Datums der Ausstrahlung. Sicher ist einiges darin bekannt, aber vieles war neu für mich. Und gerade dieses Neue hat es in sich. Wie an einer Stelle gezeigt wird, welche Verbindungen zwischen Wirtschaftsministerium und Energiewirtrschaft bestehen, zum Beispiel. Das ist ein Skandal sondergleichen. Und das schlimme ist: es lief im TV, vor Jahren. Und geändert hat sich: nichts. Wer also meint, die Dinge seien nur durch mehr Aufmerksamkeit zu beheben, der irrt. Es sind tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen notwendig, dieses Land wieder auf einen erfolgsversprechenden Kurs zu bringen. Das lässt mich schaudern, denn tiefgreifende Veränderungen setzen doch i.d.R. große Probleme voraus. Weit größere, als wir heutzutage haben. Man kann nur hoffen, dass man sich irrt.
Grüsse, WvL
cicero
Nun ja, eine einzelne Doku, die vielleicht sogar erst um 23:00 Uhr läuft, bewirkt natürlich noch nichts. Hier würde ich auch noch nicht von Aufmerksamkeit sprechen. Aber eine Medienaufmerksamkeit, die dran bleibt, bewirkt durchaus etwas. Das Dranbleiben ist entscheidend. Insofern würde ich schon sagen: Es ist die Medienaufmerksamkeit, die es bringt.
Dox
Unsere Politiker befinden sich nicht in der Hand der Konzernbosse. Wenn es so wäre, hätte das Merkel nicht die Kernkraftwerke abschalten können. Es ist umgekehrt. Und dieser Artikel ist schwach, sehr schwach.